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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Vergessene Kunst
Date
1917-01-01
Page
68 (sequence 4)
Language
German
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68 Sigmund Bromberg-Bytkowski: liebsten auf Bergeshöhen unter freiem Himmel am Steinaltar opfern und selbst der gepriesene Tempel zu Jerusalem mochte ihm kein Gotteshaus im landläufigen Sinn sein. Nicht zu Ehren des Gottes, der durch die Inbrunst der Seele allein geehrt wurde, der aus dem Wehen des Sturmes und aus dem Donner des Gewitters zu seinem Volke sprach, wurde es erbaut, sondern als ein prunkvolles Gezelt, worin die heilige Lade aufgestellt wurde, als ein Zeichen des Bundes zwischen Gott und Volk. So blieb das Volk die ganze Zeit seines selbständigen Daseins abgewandt von jener monumentalen Baukunst, die seine Könige zu pflegen begannen. Es war nicht sein Bedürfnis, welches diese Kunst schuf, sondern das Bedürfnis seiner Könige und seiner Reichen. War doch Monumentalkunst in jenen Zeiten, wie noch lange später, nicht Volkskunst im eigentlichen Sinne, nicht Ausdruck des Volkswillens, sondern die Kunst der Mächtigen, der ländergebietenden Könige oder Städte« Für die aber gab es in Palästina kaum bescheidene Ansätze. Und dann kam die Diaspora und mit ihrem Einsetzen entschwand endgültig die letzte Möglichkeit der Entstehung einer eigenen monumentalen Baukunst und der schmückenden Bildkünste.*) Nur eine Kunst konnte sich in der Diaspora selbständig und eigenartig entwickeln. Das war die Kunst des kleinen Mannes. Der kleine Mann beherrscht das jüdische Volksleben seit jeher. Schon in der palästinensischen Zeit stand er unzweifelhaft in dessen Mittelpunkt. Später, in der Diaspora, gab es fast nichts anderes» Es wurden zu Zeiten hie und da auch da Einzelne, ihre Familien oder ganze Geschlechter in Reichtum und Macht, in einen fürstlichen Abstand von den übrigen emporgetrieben. Im allgemeinen waren es aber doch nur Ausnahmen. Was diese Bevorzugten in Sitten, Tracht und Brauch von der Gesamtheit der Volksgenossen unterschied, galt allenfalls als etwas Fremdes; was sie mit ihnen verband, war das Echtjüdische. Der bescheidene kleine Mann hatte nur Weniges und weniger Kostbares von dem Schönen, dessen Überfluß dem Reichen zuteil wurde, aber es waren dieselben Dinge hier und dort. Es ist das Werk des jüdischen Handwerkers, das uns in mannigfacher Abstufung der Kostbarkeit und Fülle überall entgegentritt, beim Reichen freilich neben vielem Fremden. Was der jüdische Handwerker schuf, bildet das Gebiet der jüdischen Kleinkunst. Es war eine bescheidene Kunst, die er hervorbringen konnte. Aber an eigenen Schönheiten reich, offenbart sie ein Kunstvermögen und eine Unbeirrtheit des Kunstwollens, die dem Unvoreingenommenen mehr Stoff zum Nachdenken geben sollten, als der Mangel einer monumentalen und freien Kunst. 3- Die Kunst des jüdischen Handwerkers war gesund und schlicht. Nie wäre es ihm eingefallen, aus Glas vielarmige, willkürlich geschweifte Kronleuchter zu gießen und sie mit unnützem gläsernen Putz zu überladen. Das zerbrechliche spröde Glas ist, wie für so manches, was daraus verfertigt wird, für Kronleuchter nicht geschaffen. Es hat für weitausgestreckte Arme nicht die nötige Tragkraft und muß im Innern künstlich verstärkt werden. Seine Biegungen sind, weil durch die Natur *) Auch der Synagogenbau, der sich insbesondere im polnischen Kunstgebiete zum Teil eigenartig gestaltete, gehört nicht zur monumentalen Baukunst. Schon wegen der beengenden Bauvorschriften konnte er nicht monumental Werden. Auch der Farben- und Bildschmuck, der in den Synagogen vorkommt, muß aus vielfachen Gründen, die noch zur Sprache kommen sollen, als Ausnahme betrachtet werden.

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