Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Vergessene Kunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Vergessene Kunst 67 gestaltende Stoff, noch die Bedürfnisse des Lebens, noch endlich die sich entwickelnde Richtung ihres Geistes. Um sie her war eine karge, aber hinreichend nährende, in ihrer herben Größe eher zum ahnungsvollen Nachsinnen als zum zugreifenden Gestalten anregende Wüste. Der Hirte ist stets mehr zum Dichten und Sinnen geneigt, als zum Bilden und Basteln. So mochte auch der unter dem Gezelt wohnende, in sich versunkene, auf seine Freiheit und auf seine dämmerhaften Gottgedanken stolze Beduine mit Scheu und Abscheu, mit heimlich verlangender Bewunderung und innerem Grauen zu jenen Stätten hochentwickelter seßhafter Kultur hinüberschauen, die sich rings um seine Wüste erhoben. Er konnte bewundern, er konnte aber auch verachten. Die hochmütige Verachtung aller materiellen Kultur, die den Denker der üppigen Spätkönigszeit das Wort von der Eitelkeit der Eitelkeiten prägen, die den heiligen Zorn der Propheten immer wieder von neuem auflodern ließ und noch heute in den tiefsten Winkeln der modernen jüdischen Seele heimlich nistet, sie mag noch von jenen Zeiten herkommen, wo der schweifende Beduine, was er an kleinem Hausrat, Gewand und Geschirr benötigte, sich zumeist bei den mächtigen Nachbarn für die Wolle seiner Schafe und Kamele einhandelte. Sicherlich gab es auch inmitten seiner Lager ein Handwerk. Aus der biblischen Überlieferung könnte man sogar auf ein entwickeltes Kunsthandwerk schließen. Einem solchen Schluß stünde wenig entgegen, wenn man nur dabei die Schranke, die ihm der Mangel an Bedürfnissen und zu gestaltendem Stoff setzen mußte, und die Abhängigkeit von den angrenzenden Städtekulturen mit berücksichtigte. Aber auch für die späteren vorgeschichtlichen und geschichtlichen Epochen des Lebens in Palästina muß in der Hauptsache dasselbe angenommen werden. Die Sehnsucht nach höheren Daseinsfreuden, die der Verachtung zum Trotz das verlangende Gemüt des Nomaden erfüllte, trieb seine Scharen vorwärts, in jenes gelobte Land, dessen Herrlichkeiten seine aufgeregte Einbildung ihm immer wieder verführerisch vorgaukelte, bis er das ersehnte überflutete, in ihm Boden faßte und sich darin siegreich behauptete. Der unstete Hirte wurde zum seßhaften Hirtenbauern, zum Städtebewohner. Der einstige Unterschied zwischen dem Besitzer zahlreicher Herden und dem armen Hirtenknecht, der nur im Grad des Ansehens bestand, wurde in weiterer Folge zu einer klaffenden Scheidung zwischen Arm und Reich. Hier der arme Landbauer, der Handwerker und der Mann, der nichts sein eigen nannte, dort der mit Gütern Gesegnete, das Gut an sich Reißende, der die Weingärten des Nachbarn einzog, der in der Stadt Haus an Haus reihte, sich am Schweiß des Nächsten mästete und fremden Prunk trieb. Und wiederum bestand nun mitten im Volke etwas, das gleichzeitig geehrt und verachtet wurde. Denn das Volk haßte und verachtete das Treiben seiner Reichen aus seiner ganzen glühenden Seele. In keiner Literatur der Welt gibt es Worte so leidenschaftlichen Hasses, so erhabenen Zornes und beißenden, vernichtenden Hohnes für den Reichtum und seine Nichtigkeit, wie in der hebräischen. Es ist die Weltanschauung des Nicht besitzenden und des Enterbten, zugleich des auf das Wesen des Daseins gerichteten Sinnes, die sich da zur beherrschenden ersten Stelle aufschwingt. Es gab eine Kriegerkaste, es gab eine Kaste der Herrschenden und Mächtigen, aber im Herzen des Volkes und in der Welt des Wortes thronten die Geisteshelden aus dem bedürfnislosen Volk. Und wie der Prunk der Reichen, ebenso blieb auch die Pracht der Könige dem Volke immer ein Fremdes und ein Greuel. Wie in den alten Zeiten wollte es am 5*