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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Vergessene Kunst
Date
1917-01-01
Page
66 (sequence 2)
Language
German
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66 Sigmund Bromberg-Bytkowski 2. Wer kennt diese Kunst, deren letzte Reste vor unseren Augen der Vernichtung entgegengehen? Wer folgt ihr auf ihren verschlungenen Wegen und verlorenen Pfaden? Wer sucht ihren geheimen Sinn zu erschließen, ihren verschlossenen Mund zu öffnen? Als ich sie vor etwa zwölf Jahren einmal in einem Einleitungswort von ungefähr berührte, glaubte ich sie zu preisen und wußte nicht, wie sehr ich ihr unrecht tat. Der flüchtige Blick, der sie gestreift hatte, konnte mir ihr ganzes Geheimnis nicht aufdecken. Nur der Ahnung, daß es etwas Verkanntes sei, das uns da entgegentritt, konnte ich Ausdruck verleihen. Wo ich aber von schönen Ansätzen sprach, sollte von einer blütenreichen Kunst gesprochen werden, deren eigener Geist aus dem Wesen aller angewandten Kunst geboren ist. Denn freilich war es nur angewandte Kunst, es war Kleinkunst. Man hat den Juden oft den Vorwurf machen zu müssen geglaubt, daß sie in den bildenden Künsten der schöpferischen Kraft entbehrten, und daraus allerlei verallgemeinernde, weitgehende Folgerungen gezogen. Ihre Kühnheit entspricht vollkommen der Kühnheit ihrer Voraussetzung. Sie erweist sich bei näherer Betrachtung als das Ergebnis einer aprioristischen Spekulation, der eine oberflächliche Beobachtung Recht zu geben scheint. Diese stellte nur fest, daß die Juden, die eine unvergleichliche Poesie schufen, keine Bau- und Bildhauerkunst, keine Malerei hatten. Daraus glaubte man schließen zu dürfen, daß es eine einseitige Begabung für die Wortkunst wäre, in d r sich der Genius des Volkes gänzlich erschöpft hätte. Man ging weiter und fand, daß schon der Eingottsglaube den Mangel aller schöpferischen Begabung erwiese. Bei der Kenntnis der jüdischen heiligen Bücher und bei dem Umstand, daß jene Erhabenheit und Würde, die vom modernen Gottesbegriff schlechthin nicht zu trennen ist, in diesen Büchern entwickelt wurde, gehört freilich Verblendung und Geistesstumpfheit zu einer solchen Behauptung. Denn es ist klar, daß alles Hehre und Gewaltige, das etwa bei den Griechen und den anderen gottbildenden Völkern unter einzelne Gottheiten versplittert und verzettelt v/urde, bei den Juden zu einem mächtigen Strom anschwillt, der in der Gottesidee der Propheten mündet. Versucht man jedoch, dem in seiner großen Tragik einzigartigen Lebens- und Schicksalsgange des jüdischen Volkes nachsinnend, die Entwicklungsmöglichkeiten der Sehkünste bei dem jüdischen Volk festzustellen, so ergibt sich bald die ganze Hinfälligkeit jener aprioristischen Annahme und damit auch aller vorschnellen Folgerungen aus ihr. Wie sich dann nämlich zeigt, waren es die Daseinsbedingungen dieses Volkes, die sich, wie sehr sie auch sonst wechseln mochten, in dem Einen gleich blieben, daß sie das Aufkommen einer entwickelten Bau- und Bildkunst nicht zuließen. Die Daseinsbedingungen und die Geistesrichtung. Beide schienen sich schon von den Uranfängen des Volkes in diesem Sinne präformieren zu wollen. Daß die späteren Stämme Israels und Judas in ihrer Kindheit ein schweifendes Hirtenvolk und auch später mehr Hirten als Bauern waren, muß, trotz entgegengesetzter Spuren, angenommen werden. Zu lebhaft sind die Erinnerungen an das Hirtenleben, zu natui frisch seine Bilder in den heiligen Büchern, als daß sie bloß eine nachherige Dichtung und Andichtung sein könnten. Für die Hervorbringung einer Kunst war bei den schweifenden Hirtenstämmen südlich des Sinai gar kein Anlaß. Nicht» forderte sie auf, zu gestalten, weder der zu

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