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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Vergessene Kunst
Date
1917-01-01
Page
65 (sequence 1)
Language
German
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Sigmund Bromberg-Bytkowski: Vergessene Kunst 65 VERGESSENE KUNST I. Betritt man einen aufgelassenen jüdischen Friedhof und wandelt zwischen den von Gras und Ginster überwucherten, müde in das Erdreich versinkenden Grabsteinen, so wird man von einem Schauer des Staunens ergriffen und von einer tiefen Ehrfurcht für die Meister, die Geschlecht auf Geschlecht aufeinanderfolgend diese Werke von herber weltfremder Schönheit geschaffen haben. In dichtem Gedränge stehen sie da, ungezählt, Stein an Stein gereiht, einer wie der andere verwittert, moosbedeckt, zerbröckelnd und schief, verlassen und vergessen. Nur die seltsamen kleinen Scherbchen, die am oberen Rand des einen oder des anderen Grabmals angehäuft sind, die bunttraurigen Kranzgewinde von Papier und Zeugfetzen, die sie behängen, und die rußigen Spuren von ausgebrannten Wachslichtern und Talgkerzchen bezeugen, daß an den irdischen Ruhestätten der Geonim und Heiligen inbrünstige Gebete und wehmütige Klagen zum Himmel gesendet werden, daß zitternde Hände den mürben Stein flehend umfassen, und daß die Namen der alten Geisteshelden noch im Volke lebendig geblieben sind. Aber wie lange noch? Bald kommt die Zeit, wo auch das vorüber sein wird. Die Hochflut der Modernität wird mit den Trümmern des Ghettolebens auch den Rest alter Liebe zu den Vorfahren wegfegen und mit ihm den letzten schwachen Faden zerreißen, der das gegenwärtige Geschlecht noch an eine alte, edle Kunst knüpfte. In völlige Vergessenheit versunken, werden die morschen Grabsteine ihrem endgültigen Verfall entgegenträumen, sich immer mehr neigend, versinkend, bis sie endlich mit den Grabhügeln, denen sie ein Denkmal sind, eins werden. Das Los alles Irdischen. Auch das, was ein Wahrzeichen der Dauer sein soll, währt kaum eine Spanne Zeit länger, als das Vergängliche, dessen Gedenken es zu verlängern hatte. Noch aber sind sie da, noch stehen die Grabtafeln beisammen, ragen als stumme beredte Mahner an bessere Zeiten in unsere Verwahrlosung hinein. Und wenn auch Verschollenheit ihr Los ist, es steht noch immer besser um diese Kunst des altjüdischen Steinmetzen, als um die des Metallarbeiters, des Gold-, Silber-, Kupfer- Messing- und Rotgußschmiedes, des Graveurs. Die Hänge- und Wandleuchter, die einst dem bescheidenen Heim des frommen Juden ein festliches Ansehen verliehen hatten, sind verschleppt in alle Winkel der Welt. In der echt barbarischen Weise unserer Zeit werden sie mit Kerzen aus Porzellan besteckt und mit Flammen aus Glas bekrönt, weil ja das elektrische Licht nicht fehlen darf. Eine Antiquität wie die vielen anderen sind sie geworden, wie die häßlichen böhmischen Gläser, wie das so oft kunstvoll kunstlose Porzellan, wie die zuckerwerkartigen venezianischen Hängelüster mit ihrem bunten Blumen- und Blätterflitter aus gegossenem Glas, die klassischen Beispiele angewandter Afterkunst. Sie sind zum Trödel hingegangen, wenn auch zum prunkvollen Trödel. Stumm und verschlossen verbleiben sie da, niemand ihren Sinn offenbarend, wie die letzten Prachtexemplare, die in den alten Bethäusern hindämmern. Und das Gold-, Silber- und Küpfergerät, es wandert seit jeher in den Schmelztiegel als Speise für moderne Fabrikate. So verringern und erschöpfen sich zusehends die letzten Kunstbestände, und müßig sehen wir zu, wie Tag für Tag unersetzlich Wertvolles entschwindet* Heft i/a. -

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