Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Systematische Palästinakolonisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 63 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Systematische Palästinakolonisation 63 warten, bis einmal eine Agrarkredit gewährende Gesellschaft zustande gekommen sein würde, was bekanntlich bis heute noch nicht der Fall ist. Sein Einspringen in diese Lücke war für ihn zwar sehr kostspielig, aber für die Sache der Kolonisation von größtem Werte. Ohne die Versuchsarbeit des Nationalfonds wäre es heute unmöglich, an die Ausführung größerer Pläne für die weitere Ansiedlungstätigkeit zu schreiten. Daß aber der Jüdische Nationalfonds in Hinkunft auf seine Hauptzwecke, Boden zu kaufen und die Kosten der Nationalisierung der Arbeit zu tragen, sich beschränke, ist eine selbstverständliche Forderung, sonst würde seine Kapazität für den Bodenerwerb auf ein Viertel oder ein Fünftel seiner jeweiligen Mittel sinken und er mit Aufgaben und Risken belastet werden, für die er weder geschaffen wurde, noch die Eignung besitzt. Von jeher war es daher die Sorge der Zionisten, woher der nötige langfristige Agrarkredit zu beschaffen wäre. Zahlreiche Vorschläge zur Gründung eines Agrar- oder Kolonisationsfonds sind im Laufe der Zeit aufgetaucht und wieder verschwunden. Sie hatten keinen Bestand, weil es immer als ziemlich aussichtslos erschienen ist, für einen solchen Kreditfonds größere Mittel zu erhalten. Auch bei den Vorarbeiten zur Schaffung einer Agrarbank, die wegen der bestehenden rechtlichen Schwierigkeiten noch nicht begründet werden konnte, hat es sich gezeigt, daß die für sie erforderlichen erheblichen Mittel, die in größeren Anteilen aufgebracht werden müßten, nicht leicht zu haben sein werden. Wie ist über diese Schwierigkeit hinwegzukommen? Ohne einen Agrarkreditfonds ist es unmöglich, eine größere Ansiedlungstätigkeit zu entfalten. Ich denke, man müßte der betreffenden Institution eine anziehendere Form und Aufgabe stellen. Man sollte nicht Agrarkreditfonds gründen, für die sich niemand begeistern und Geld geben wird, was psychologisch begreiflich ist, sondern sogenannte „Ansiedlungsgesellschaften", die eine viel lebendigere Tätigkeit zu entfalten hätten. Sie könnten die technische Durchführung der Kolonisation übernehmen, die Verträge mit Ansiedlern und Instituten abschließen, den Boden anbaureif machen, die Gebäude aufführen usw. Die Teilnehmer einer solchen Gesellschaft hätten das Gefühl, die eigentlichen Kolonisatoren zu sein, sie kämen in einen lebendigen Kontakt mit der geschaffenen Kolonie, sie würden an ihren Freuden und Leiden teilnehmen, und so hätte man in der Ansiedlungsgesellschaft einen Faktor für die Kolonisation geschaffen, der das Interesse an ihr immer. nur steigern würde. Es besteht zwar schon eine Gesellschaft, die sich ähnliche Ziele gesteckt hat, wie sie hier für die Ansiedlungsgesellschaften vorgeschlagen werden, die Landentwicklungsgesellschaft (PLDC), aber diese muß ihre bescheidenen Mittel für die Durchführung der Bodenkaufoperationen reservieren, und es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß sich heute für sie, die leider auf Pfundaktien gegründet ist, neue größere Kapitalien anwerben ließen. Dagegen ist es nahezu sicher, daß bei der gegenwärtigen Stimmung in der Judenheit — namentlich in Amerika, aber auch in anderen Ländern — bei geeigneter Propaganda mit Erfolg Ansiedlungsgesellschaften gegründet werden könnten. Für die praktische Arbeit würden diese wahrscheinlich die PLDC zu ihrer Sachwalterin machen, die mit der Zeit mit ihnen verschmolzen werden könnte. Die Frage: wer soll kolonisieren, beantwortet Öettinger seinen Vorschlägen entsprechend, dahin, daß alle an der Kolonisation beteiligten Faktoren (also einerseits Kolonisten und Arbeiter, andererseits die verschiedenen kreditgebenden