Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Systematische Palästinakolonisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 64 (sequence 7)
- Language
- German
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64 Adolf Böhm: Systematische Palästinakolonisation Faktoren) ein „Zentrales Kolonisationskomitee für Palästina" bilden sollen, als oberste Instanz für die Durchführung der Ansiedlungsarbeit. Wenn man seit Jahren mit angesehen hat, wie selbst innerhalb einer und derselben Organisation — der zionistischen — die einzelnen Institutionen vielfach ihre eigenen, getrennten Wege gegangen sind und ihre Zusammenfassung zu einheitlichem Handeln viel zu wünschen übrig gelassen hat, muß man die Bildung eines solchen zentralen Komitees als unbedingte Voraussetzung für jede gedeihliche Arbeit bezeichnen. Auf Grund seiner Berechnungen und nach genauer Erwähnung der Möglichkeiten der Durchführung seiner Vorschläge stellt schließlich Oettinger ein konkretes Arbeitsprogramm für die ersten Jahre nach Friedensschluß auf. Er bezeichnet es als erstrebenswertes Ziel, innerhalb der nächsten zwölf Jahre im ersten Triennium je eine, im zweiten je zwei, im dritten je drei, im vierten je vier, zusammen also 30 neue Kolonien mit je 100 Familien, d. s. 3000 Familien mit 12—18000 Seelen, zu begründen. Hierfür wären nach den Berechnungsgrundlagen, die vor dem Kriege galten, 771/« Millionen Franken nötig. Bezüglich der Aufbringung dieser Summe wird wahrscheinlich alles darauf ankommen, ob die ersten Kolonien zustande zu bringen sein werden und mit welchem Erfolg. Für eine Kolonie veranschlagt Oettinger die Kosten je nach dem gewählten Typus auf 2x/2—3 Millionen Francs, wovon der Nationalfonds 0,6 bis 1,4 Millionen beizutragen hätte. Wie man sieht, sind das Ziffern, die durchaus erreichbar sind, hat doch der Jüdische Nationalfonds im Kriegsjahr 1916 allein in Österreich fast 1ji Million aufgebracht. Gelänge es, das Programm Oettingers durchzuführen, so würde die landwirtschaftliche Basis in Palästina ziffernmäßig verdoppelt, dem Effekte nach — da jede Verdichtung der produzierenden Bevölkerung eine Beschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung in progressivem Maße mit sich bringt — vervielfacht und die jüdische Siedlung so gefestigt werden, daß ihre Zukunft schon in ihrer eigenen Kraft verbürgt sein würde. Wie wenig ist es im Grunde, was zur Erreichung dieses verlockenden Zieles vom jüdischen Volke verlangt wird! Kann man daran zweifeln, daß nach der gewaltigen Aufrüttelung, die es durch den Weltkrieg erfahren hat, das jüdische Volk gewillt und imstande sein wird, dies Wenige zu leisten? Und wieviel wäre für Sein und Zukunft des Volkes erreicht, wenn auch nur dieser bescheidene Plan verwirklicht sein würde! Deshalb darf es nicht mehr so bleiben, daß der Zionismus bloß als „eine" der Parteien des Judentums betrachtet wird. Die Schicksalszeit, die das jüdische Volk jetzt durchlebt, erfordert die lebendige Anteilnahme der ganzen Judenheit an seinem Werk, im Bewußtsein, daß er der Ausdruck ihres Willens zum Leben ist. Aus dem schlichten Büchlein Oettingers, das mit nüchternen Ziffern gefüllt ist, spricht es zu uns, wenn wir hören wollen: Die Zeit ist da, der Weg liegt klar vor uns, an euch ist's, zu vollbringen! Wien Adolf Böhm