Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Systematische Palästinakolonisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 62 (sequence 5)
- Language
- German
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62 Adolf Böhm: Schäften mit überwiegendem Getreidebau, 2. Kolonie mit 40 Wirtschaften mit überwiegender Milchwirtschaft, 3. Kolonie mit 50 Wirtschaften mit überwiegend bewässerbaren Baumpflanzungen, 20 mit bewässertem Gemüsebau, 30 Arbeiterheimstätten. Hier ist also zum erstenmal ein vollständiger Ansiedlungsplan aufgestellt und durchgerechnet, mit dem Oettinger auf die Frage, wie kolonisiert werden soll, eine ausführliche Antwort gibt. Es bleiben noch die Fragen zu erörtern: wer soll angesiedelt werden, wie sollen die Kosten gedeckt werden und wer soll die Ansiedlungsarbeit durchführen? Über die Auswahl der anzusiedelnden Elemente hat sich Oettinger schon in früheren Veröffentlichungen ausführlicher geäußert. Er schlägt vor, nur solche Leute anzusiedeln, die landwirtschaftlich vorgebildet sind und über einige Mittel verfügen. Diese Bedingungen sind so einleuchtend, daß darüber keine Meinungsverschiedenheit herrschen kann. Die Frage nach der Deckung der Kosten wird in der vorliegenden Broschüre einer eingehenden Erörterung unterzogen. Sie sollen sinngemäß auf die verschiedenen bei der Ansiedlung mitwirkenden Faktoren aufgeteilt werden. Die Anzusiedelnden, für jede Kolonie in einer Vereinigung zusammengeschlossen, hätten Anzahlungen zu leisten, die je nach der Betriebstype 11,5—34,5°/0 der Gesamtkosten betragen sollten. Wer nicht eigene Mittel zu verlieren hat, der wird erfahrungsgemäß auch mit kreditiertem Geld nicht wirtschaftlich umgehen. Die Ansiedlung gänzlich unbemittelter Leute wäre übrigens nur eine Wiederholung des Hauptfehlers der Rothschüdschen Ära, der philanthropischen Methode. Die übrigen 65,5—88,5°/0 der Kosten sollen folgendermaßen beschafft werden: 1. Der Jüdische Nationalfonds stellt Grund und Boden in Erbpacht zu billigem Zins (2°/0) zur Verfügung und deckt die Auslagen für Arbeiterheimstätten. Kostenbeitrag 23,9—47,6°/0. 2. Die Kredite für Baulichkeiten, Ameliorationen und Investitionen (stehendes Betriebskapital) leiht eine Kolonisationsgesellschaft, später die zu errichtende Agrarbank. Kostenbeitrag durchschnittlich 3O°/0. 3. Die Gemeindespesen während der erste 5—10 Jahren bestreiten die nationalkulturellen Organisationen. Kostenbeitrag durchschnittlich io°/0. 4. Den Kommerzkredit (umlaufendes Betriebskapital) beschafft sich der Ansiedler im Wege der Kreditgenossenschaften, wie solche schon heute bestehen, bei der Jüdischen Palästinabank. Dieses Schema mag kompliziert erscheinen, ist es aber nicht mehr, als in der Sache selbst begründet ist und ähnelt jenem, das die verschiedenen Staaten bei der inneren Kolonisation einhalten. Über die Vorschläge sub 1 und 2 sind bisher die Meinungen in der zionistischen Organisation noch nicht geklärt. Der Jüdische Nationalfonds hat zwar den Kauf von Boden als Gemeineigentum des Volkes und seine Vergebung in Erbpacht schon bei seiner Gründung zum Prinzip erhoben. Aber mangels einer Agrarkreditinstitution war er gezwungen, nicht nur Boden zu kaufen, sondern auf den von ihm erworbenen Grundstücken ganze Betriebe aus eigenen Mitteln einzurichten und zu führen, was stets ein Mehrfaches des Bodenwerts an Geldaufwendung erforderte und immer neue Mittel zur Erweiterung der Betriebe verschlang. Der Nationalfonds mußte so handeln, um nicht kostbare Zeit verloren gehen zu lassen; er konnte mit den nötigen Ansiedlungsversuchen nicht