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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 50

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Zwei Welten
Date
1917-01-01
Page
50 (sequence 4)
Language
German
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Max Brod: Zwei Welten zusehen und von einer Menschengemeinschaft zu lernen (ja, das ist es, in aller Demut zu lernen), welche ein anderes Prinzip als das europäische der angeblich „adelnden" Arbeit befolgt, ein Prinzip der schrankenlosen Verehrung des Geistes bei ziemlicher Vernachlässigung des materiellen Fleißes und anderer derartiger Bürgertugenden. Der Vorwurf der „Rückständigkeit", der „Faulheit", der „wirtschaftlichen Verarmung", der „unproduktiven Verelendung" würde eine solche Gemeinschaft nicht treffen. Denn dieser Vorwurf ist ja nur im Sinne der „Arbeitswelt" erhoben und hat nur in ihrem Sinne Berechtigung. Damit ist nicht gesagt, daß die besondere Form der „Geisteswelt", die uns in solch einer Menschengemeinschaft entgegentritt, über alle Mängel erhaben sein muß. Im Gegenteil, die Gefahr wächst in gleichem Verhältnis mit der Kühnheit, die es unternimmt, die Menschenseele in das ungewohnte Reich des Geistes einzupflanzen. Schwere Fehler sind unvermeidlich. Sie müssen aber vom geistigen Mittelpunkt, von dem ihnen immanenten Prinzip der Geistigkeit aus, nicht im Sinne des äußeren Glanzes erfaßt werden. Wem diese Erfassung gelänge, der wäre vielleicht nicht nur der Retter der episodenhaft unter uns noch weilenden Geisteswelt, sondern Europas und der Menschheit insgesamt. In einer Reihe neuerschienener Bücher ist eine solche, nichts als den Geist anerkennende, daher vom Standpunkt der nüchternen Arbeit aus manchmal etwas zerfasert und zerlumpt aussehende Welt dokumentarisch geschildert. Die „Sagen polnischer Juden" (übersetzt von Eliasberg, Verlag Georg Müller), das herrliche chassidische Drama „Die goldene Kette" von Perez (Verlag R. Löwit, Wien), die in der Monatsschrift „Der Jude" von Arno Nadel veröffentlichten ostjüdischen Volkslieder, die Novellen von Perez (Insel-Verlag), die ostjüdische Anthologie des Verlags Kiepenheuer, das „Buch von den Polnischen Juden", das Sammelwerk „Treue" und das „Dreibuch" (Jüdischer Verlag, Berlin), endlich der „Born Judas" (Insel-Verlag), diese Bücherreihe erschließt eine heute im Westen noch nahezu unbekannte oder arg verkannte Welt. Ich lege das Buch über das Taylor-System weg und vertiefe mich in eine schöne Novelle Schalom Aschs vom „Ruhetag". Der Ruhetag wird hier mit derselben Gründlichkeit, mit demselben unerschütterlichen Ernst geregelt, wie in Amerika der Arbeitstag. — Zwei Welten! Der Hölle entronnen, glaube ich fast ins Paradies einzutreten. Der Geist, der hier regiert, ist freilich ein wenig kurios und, um ganz gerecht zu sein, nicht in allen seinen Äußerungen sympathisch. Man könnte sich ihn manchmal weniger kleinlich, weniger zerknittert vorstellen. Aber handelt es sich denn darum, Geist vorzustellen? Ihn zu leben, das heißt: in einer realen großen Menschengemeinschaft zu leben und dennoch dem Geist täglich und überall den ersten Platz zu vergönnen, alles nach den Bedürfnissen der Seele und nicht nach denen der Industrie zu bemessen: das ist das Problem. Möglich sind gewiß noch geistigere Welten. Von allen aber, die ich wirklich kenne, ist diese trotz ihrer handgreiflichen Unvollkommenheiten immer noch die beste. Richtig ist, daß sich viele der mitgeteilten Dichtungen, Märchen, Legenden auf eine vergangene Epoche beziehen. Aber des Gegenwärtigen bleibt noch genug und wirft die allerernsteste Frage auf, wie man das Gute der alten Gesinnung

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