Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Welten
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 49 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101128-3101821--1262-3101919- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zwei Welten 49 Kochmanns Einwände gehen meist dahin, nachzuweisen, daß gesteigerte Produktivität zwar im Interesse der Privatwirtschaft, nicht aber unter allen Umständen im Interesse der Harmonie der Gesamtwirtschaftsführung liegt, also nicht praktisch ist Ich will mich nicht so nationalökonomisch ausdrücken. Ich glaube vielmehr: gerade das Praktische in Taylors System ist das Schädliche, Unsittliche, im letzten Sinne Unpraktische. Taylor bemüht sich um den Nachweis, daß sein rationalisiertes System auch im Interesse der Arbeiter liegt. Ihre Löhne steigen usw. — Kochmann bemerkt trocken: „Anscheinend glaubwürdig, allerdings von hier aus nicht kontrollierbar, wird berichtet, daß Arbeiter in taylorisierten Betrieben stimulierende Medikamente nehmen, um den Anstrengungen der neuen Arbeitsweise gewachsen zu sein, und es soll angeblich häufig vorkommen, daß sie sich die Haare färben und sich schminken, um den Anschein physischer Frische und Jugendlichkeit aufrecht zu erhalten." Der Geschwindigkeitsvogt duldet nämlich keine „Mindertauglichen" in seiner Gruppe. Genug von diesem durch keine Dichterphantasie je erreichten Gehinnom! * * * " Die Menschheit wird zwischen ihren beiden Polen zu wählen haben: dem Erfolg und dem Geist. Erfolgreich ist die Arbeitsteilung, die mechanisierte Arbeit. Materielle Reichtümer werden über die Erde ausgegossen. Unlustig naschen die Menschen von ihnen, ohne je satt zu werden. Warum haben sie nicht die Kraft, auf so trügerische Kost zu verzichten? Weil ihnen die eigentlich schmackhafte Kost der Seele fehlt: der Geist. Den Geist aber hat ihnen eben nichts anders als die mechanische Arbeit ausgetrieben. — Da haben wir den allervollkommensten und tragischesten Circulus vitiosus. Die Menschheit wird diesen Zirkel zerbrechen oder in ihm zugrunde gehen. Ich sprach neulich in einer Versammlung von Kaufleuten. „Wenn Sie diese und diese Bücher lesen, so werden Sie einsehen, wie sinnlos und in sich widerspruchsvoll Ihre heutige Zeiteinteilung ist." Ein ernster Herr antwortete: „Wir können aber nicht dazu kommen, diese Bücher zu lesen. Abends sind wir müde vom Geschäft. Wir haben keine Zeit." — Das ist der klare Zirkelschluß, an dem die Menschheit krepiert. Kein Geist, weil keine Zeit — und keine Zeit, weil kein Geist. Der Schuster Jakob Böhme starrte in seine kugelförmige Arbeitslampe, da ward der mystische Geist in ihm wach. Taylor hätte sich den Mann mal vorgenommen, ihm zuerst die richtige Beinhaltung vorgeschrieben, für „Starren in die Arbeitslampe'* den Zeitraum von Null Ganze zwei Zehntelminuten allenfalls genehmigt: und „Aurora oder die Morgenröte im Aufgang" wäre jedenfalls nie geschrieben worden. Geist und mechanischer Arbeitsbetrieb sind unvereinbare Gegensätze. Keine Illusionen! Man kann dem einen nur so viel geben, als man dem andern nimmt. Da nun aber mechanische Arbeit zur Geistlosigkeit, diese zum gemeinen Amüsement und Machthunger, dieser zu fortdauernden Kriegen und letzten Endes zur Vernichtung des Menschengeschlechts führen muß, so wäre es vielleicht an der Zeit, sich nach einem andern Leitmotiv des richtigen Lebenswandels um¬ Heft 1/2. A