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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 51

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Zwei Welten
Date
1917-01-01
Page
51 (sequence 5)
Language
German
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Moses Schorr: Rechtsstellung und innere Verfassung der Juden in Polen erhalten und dabei ein lebensfähiges Wirtschaftssystem (ohne Taylor-Kultur) schaffen könnte. Merkwürdiges Land, in dem das Griechenwort „Altern und immer noch lernen" buchstäbliche Wahrheit wird. Denn der Zweck des Daseins gipfelt hier im ununterbrochenen „Lernen", im Studium bei Tag und bei Nacht, wie es Agnon in seiner schönen Novelle von jenem Rabbi berichtet, dessen Kerze unfreiwillig den Schmugglern allnächtlich den Weg zeigt. (So diente Flauberts Studienlampe den Fischern als Leuchtturm. Flaubert aber war eine Ausnahme, dieser Rabbi hingegen nichts als Durchschnitt, einer von Unzähligen.) Und es ist kein leeres tatenloses Lernen, sondern in ihm selbst ist der Weg der Tat und des reinen Lebens einziger Gegenstand. Taylor, der moderne Prophet der Arbeit wird sogar noch das Atemholen der Menschen regeln. Auch bei der alltäglichsten Sache der Welt darf keine Zeit versäumt werden. Zeit ist Geld. Die Männer des Geistes, von denen Martin Bubers chassidische Legenden berichten, hatten immer Zeit. Sogar der Gottesdienst wird versäumt, weil es eine Liebestat, die Beschwichtigung eines weinenden Kindes, gilt. Der Geist regiert. Zeit ist Freiheit. Die Zeit als Geld oder als Freiheit betrachten: das sind die zwei Welten* vor denen der Genius der Menschheit sich zu entscheiden haben wird. Prag Max Brod RECHTSSTELLUNG UND INNERE VERFASSUNG DER JUDEN IN POLEN *) (Ein geschichtlicher Rundblick) Die Geschichte der Juden in Polen und Litauen umfaßt einen Zeitraum von beinahe siebenhundert Jahren, sie bildet politisch wie geistesgeschichtlich eine geschlossene Einheit und bedeutet ein besonders wichtiges Glied in der Entwicklungsgeschichte der mitteleuropäischen Judenheit, mit der sie organisch zusammenhängt und auch in steter so wirtschaftlicher wie kultureller Wechselwirkung verbleibt. Mehr noch, die genuin polnisch-jüdische Kultur zwingt mit der Zeit auch das geistige Leben der Juden in den benachbarten Ländern in ihren Bann und drückt ihm ihren eigenen Stempel auf. Es ist allgemein bekannt, daß seit der Mitte des XVI. Jahrhunderts Polen sich allmählich die Bedeutung einer Metropole des intellektuellen Verkehrs innerhalb des mitteleuropäischen Judentums erringt, sich gewissermaßen zu einem jüdischen Kulturzentrum emporhebt, dessen mächtiger Einfluß immer weitere Kreise außerhalb der Staatsgrenzen Polens zieht. Davon erzählen die berühmten Talmud-Hochschulen (Jeschibot) in Posen, Krakau, Lublin, Lemberg u. a. m., welche Hunderte von Hörern aus Osterreich, Deutschland und Italien an sich zogen, davon zeugen femer die Namen eines Moses Isseries (T{emö)> eines Salomon Luri6 (Maharschal), eines *) Diese Abhandlung bietet mit entsprechenden kleinen Änderungen die Wiedergabe eineä Vortrages, den der Verfasser über Einladung des Komitees zur Aufklärung über Ostjüdische Fragen in Wien gehalten hat. 4*

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