Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 48

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Zwei Welten
Date
1917-01-01
Page
48 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101128-3101821--1261-3101918
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

48 Max Brod: die Maschine eine Umdrehung oder Stampfbewegung das eine Mal so und nächstens anders? Nein, sie arbeitet „maschinenmäßig"! Wie gescheit ist doch solch eine Maschine! Der Mensch aber glaubt, sich eine gewisse Willkür in seinen Lebensbetätigungen erlauben zu können und seien diese auch so bescheiden wie die täglichen Verrichtungen eines Maurers. Da aber tritt der Menschenfreund Taylor, ein zweiter Pestalozzi, jedoch für Erwachsene, an ihn heran und weist ihm nach, daß er sich durch so unnötiche Abwechslung, selbst wenn sie ihm etwa Spaß machen sollte, nur „übermüde". Und Herr Frank B. Gilbreth, ein Schüler Taylors, hat auch schon genau, mathematisch, die „optimale" Fußstellung des Maurers sowie den günstigsten Abstand von Mann, Mörtelschaff, Ziegeln und Mauer berechnet. In den Rahmen dieser geometrischen Konstruktion wird flugs die Menschenseele eingespannt — adieu, Seele, Staub! Hinaus in den Weltenraum, zerstreue dich, zerstiebe! Der entseelte Mann sitzt im Rahmen und arbeitet endlich, endlich maschinenmäßig. Taylor geht weiter. Für jede Bewegung wird dem Manne eine bestimmte Zeitdauer berechnet und vorgeschrieben. Ein eigenes technisches Bureau arbeitet „Unterweisungskarten" aus. Hiedurch wird auch der Vorteil erzielt, daß dem Arbeiter jede Disposition, der letzte Rest geistigen Anteils an der Arbeit genommen wird. Ein großes System neuartiger Organisation, von Taylor bis ins Detail ausgearbeitet, sorgt für genaue Einhaltung der von oben einlangenden Anordnungen. Schärfste Kontrolle durch den Geschwindigkeitsmeister, den Speed boss („Hetzvogt" betiteln ihn schon die Arbeiter in deutschen „taylorisierten" Betrieben), wirkt mit. Die Unterweisungskarte ist sehr eingehend ausgearbeitet. Selbst die Zeit, die zum Durchlesen der Arbeitsanweisung verwendet werden darf, findet sich darauf verzeichnet. Das ist kein Spaß! Eine solche „Unterweisungskarte" ist dem Essay beigedruckt und beginnt mit folgenden Posten: I. Einrichten der Drehbank, i. Wechseln der Unterweisungskarte 2 Minuten. 2. Durchlesen der Karte 4 Minuten. 3. Andrehen der Einspannbacken 1,5 Minuten. 4. Einbringen und Einrichten des Materials 1,5 Minuten. 5. Einstellen der Geschwindigkeit und des Vorschubs 0,2 Minuten. Null Ganze, zwei Zehntel Minuten! . . . Das ist die Hölle, wie sie leibt und lebt. Der Mensch, in Zehntelminuten zerhackt zwecks besserer Hervorbringung von Stahlformen . . . wahrscheinlich von Schrapnells. Doch darauf kommt es schon gar nicht mehr an. Der zerhackte Mensch dürfte zwischen Frieden und Krieg kaum mehr einen Unterschied finden. „Geradezu verblüffend wirkt aber das allgemeiner bekannt gewordene Beispiel der Kugelprüferinnen (Aussortieren fehlerhafter Stahlkugeln). Hier wurde durch . . . scharfe Kontrolle, Ausschaltung von Störung — die Arbeitsplätze liegen soweit auseinander, daß eine Unterhaltung während der Arbeit nicht möglich ist — usw. erreicht, daß 35 Arbeiterinnen dieselbe Arbeit bewältigen, wie vorher 120. Dabei stieg die Qualität der Leistung noch um 60 Prozent." (Kochmann,) Die Qualität der Leistung steigt, die Qualität der Menschheit sinkt. Quo vadis, humanitas? Die Hölle wäre nicht vollständig, wenn ihr die Phrasen des Idealismus fehlten. Taylor betont stets seine humanen Absichten. Er wünscht ja nichts als die Güter der Menschheit, auf praktische Art produzierend, zu vermehren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.