Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Zwei Welten
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 47 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Brod: Zwei Welten 47 ZWEI WELTEN Neulich habe ich zwei Stunden in der Hölle verbracht. In der ganz realen, handgreiflichen, gegenwärtigen Hölle. Dabei brauchte ich mich nicht einen Augenblick aus meinem Zimmer zu entfernen. Ich las nur, nichts anderes brauchte ich zu tun. Es war sogar ein wissenschaftliches, sehr kühl und abwägend geschriebenes Buch. Und trotzdem alle Schrecken der Hölle. Als Kind pflegte ich mir die ärgste Höllenstrafe so vorzustellen: gleich hinter dem Eingangstor wird man in einen Kessel gesteckt, verbrannt, nun aber kommt das eigentlich Furchtbare, die Asche wird mittels eigener Maschinen in den Weltraum geblasen und mit wissenschaftlicher Präzision überallhin gleichmäßig verteilt, sodaß in dem weitverstreuten Staubpulver nicht die geringste Spur einer zusammenhängenden Form erhalten bleibt. Das ist die Strafe der gemeinsten Bösewichte. Und eben dieses gleichmäßig im Weltenraume schwebende Staubpulver an Stelle der unsterblichen Seele — es begegnet mir nun ganz unphantastisch in einem wissenschaftlichen Buche. Im Jahrgang 1914 des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik". Die zerriebene Menschenseele könnte der Aufsatz heißen. Führt aber den Titel: „Das Taylorsystem und seine volkswirtschaftliche Bedeutung" von Wilhelm Kochmann. Vorausgeschickt sei, daß der Verfasser seinem Thema ruhig, sachlich referierend gegenübersteht. Er betrachtet die Einführung des Taylor-Systems in Amerika und Teilen Europas im allgemeinen mißbilligend, ohne es aber prinzipiell abzulehnen; sogar mit Würdigung einzelner Vorzüge. Sehr wissenschaftlich und leidenschaftslos . . . Vor mir aber öffnete sich die Hölle, schlechtweg die endgültige Hölle der Menschheit; heute stehen wir mit allen unseren maßlosen Leiden erst im Wartezimmer zu diesem Inferno. Das Taylor-System ist, kurz gesagt, die Anpassung des Menschen an die Maschine, die Austilgung seiner letzten selbständigen Seelenreste und ihre Ersetzung durch eine sogenannte „Unterweisungskarte". Erfunden und in drei Büchern dargestellt vom amerikanischen Ingenieur F. W. Taylor (Kochmann gibt ihm mit übertriebener Objektivität das Attribut „verdienstvoll"), durch dreißigjährige Experimente und Beobachtungen Taylors und zahlreicher Schüler gestützt, mit einer Fülle heuchlerischer Idealismen und Menschenfreundlichkeitstendenzen behängt, von der Arbeiterschaft meist bekämpft, in vielen Industriebetrieben bereits eingeführt und angeblich tadellos funktionierend: so scheint es berufen, immer weitere Kreise zu ziehen und schließlich die ganze geldverdienende Menschheit in seiner liebevollen Umarmung zu ersticken. Taylor geht davon aus, daß die Arbeiter bei ihren Verrichtungen meist „unrationelle" Handgriffe zu tun, daß sie durch Bummelei, Gespräche, Volkshumor und ähnliche Seelenauswüchse Zeit verlieren, daß eigentlich nie und nirgends die höchste Arbeitsleistung erzielt wird. Um abzuhelfen, erfindet er sein „Scientific Management". Die Arbeitshand- Jung selbst wird Gegenstand „wissenschaftlicher" Untersuchung. Sie wird in ihre Elemente zerlegt, in einzelne Handgriffe gegliedert. Für jeden Griff wird nun die einzig mögliche Art seiner besten Ausführung ermittelt. Der Mensch niöge sich doch endlich an der Maschine ein Beispiel nehmen! Macht etwa,