Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 44 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Siegfried Bernfeld: jüdischen Seite wird aber alles Üble geleugnet, und das ist ebensowenig wahr. Freilich, das Deutschtum hat in Wahrheit wohl wenig zu leiden von der Assimilation, aber das Judentum um so viel mehr. Und gar erst die Menschheit, die zu lieben sie vorgeben, der zuliebe sie diese Assimilation fordern. Der Deutsche jüdischer Abstammung ist ein Verlust für die Judenheit. Für das Deutschtum und die Menschheit ist er ein Schädling nur, soweit er undeutsch oder unmenschlich ist. Der Assimilant aber ist nicht nur für die Judenheit ein gleicher Verlust, er ist auch unter. Umständen für das Deutschtum und auf alle Fälle für die Menschheit ein Schädling. Denn er kann kein Mensch, kein einheitliches, innerlich ruhiges, gestaltendes und gestaltetes Geistwesen werden. Carl Sternheim hat den Snob gezeichnet, den begabten und hoffnungsvollen Mann, der durch persönliche Tüchtigkeit in eine höhere Gesellschaftsschicht aufgestiegen ist, nun aber von dem einzigen Willen und Streben beherrscht wird, von deren Gliedern als Alteingewurzelter betrachtet zu werden und noch in die höchste Schicht aufzurücken. Von nun ab ist all sein Tun und Lassen, Fühlen und Denken von außen her bestimmt. Er lebt, um zu scheinen, und er scheint ganz assimiliert. Aber all sein Scheinen ist ständig gefährdet durch Realitäten, die er zwar weglügen, aber nicht wegschaffen kann, durch seine kleinbürgerlichen Eltern etwa, deren Erscheinen in der Großstadt ihn zur Groteske verzerrt. Sternheim hat die Tragikomödie des Assimilanten geschrieben. Auch dieser ist von außen her bestimmt, auch er muß scheinen wollen, anstatt zu sein, wenn er sich zu verändern hat in Tatsachen, die schlechterdings seinem Willen entzogen sind. Ein Unruhiges, Verzerrtes, Lügnerisches ist in ihnen allen, schwach genug, um von ihnen selbst oft übersehen zu werden, hinreichend stark, um sie am reinen Menschsein zu verhindern. (Um nicht mißverstanden zu werden, sei noch einmal gesagt: all das gilt nicht für jene, die Deutsche sind oder wurden, bei denen der Widerspruch zwischen psychophysischer Natur und deren Ausdruck nicht besteht. Freilich sind deren nicht allzu viele.) Sie haben den ewigen Faden der geistigen und sittlichen Kontinuität, der deutlich empfindbar vom gegenwärtigen Menschen zurückreicht zu seinen Eltern und Voreltern und irgendwo im Dunkel verläuft in die Urzeit der Gattung, der Menschheit und Seele, der vom gegenwärtigen Einzelmenschen in die Zukunft führen wird als klare Linie der Folgenden bis an das dunkle Ende der Gattung, der Menschheit und der Seele — sie haben ihn abgerissen an irgendeiner zufälligen," an einer wesenlosen Stelle und damit sich selber losgelöst aus dem Kosmos, in den sie an ihrem festbestimmten Orte eingefügt waren. Sie schweben im Chaos. Anfang, Ende und Sinn ihrer Existenz sind sie sich selber, und wenn eine edle Geistes- und Gemütsverfassung das Bewußtsein dieser egozentrischen Isoliertheit nicht duldet, so verfallen sie der Fata Morgana der Menschheit, einer schlimmren Lebenslüge als jede andere wäre. Mit der Zerstörung der naturgegebenen Kontinuität des Körpers und der Seele ist die natürliche Erfüllung eines elementaren triebhaften und darum nur dunkel bewußten Dranges zerstört: des Willens zur Unsterblichkeit. Unsterblich ist der wesentliche Teil der menschlichen Existenz, die sich dunkel, aber unumstößlich gewiß entsprungen fühlt aus einer ewigen Kette vergangener, ihr wesentlich ähnlicher, Menschen und fortgesetzt weiß in einer Kette künftiger, ihr wesentlich ähnlicher, Menschen. Dieses Dasein ist doppelt sinnvoll: Gipfel vergangener