Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 43 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Assimilation um der Menschheit willen 43 kalt und ein Rechner — wo sich dann der Ring des Widerspruches schließt. In solcher Atmosphäre der Bewertung lebt die Judenheit seit Jahrhunderten, wächst jedes jüdische Kind heute noch auf. Die Verachtung sowohl wie die Furcht haben reale Unterlagen in der Eigenart der Juden. Die Furcht — denn hier ist, in der Latenz freilich, durch eine Religion von einzigartiger bindender Kraft gehemmt und durch eine glückliche Natur vielfach in geistiges Streben veredelt, tatsächlich diese Energie, Leidenschaft und Sinnlichkeit. Der Nichtjude mag davor stehen wie vor den lebendig gewordenen eigenen tiefgeheimen Wünschen, hingezogen und innerlichst erschreckt zugleich; ein Erleben, das immer unheimlich heißt. Und der Westjude, losgelöst von den Bindungen, deren Summe jüdische Kultur heißt, ist ebenso erschrocken vor sich selbst. Er ist sich selber unheimlich; nein, nicht er, das Judentum in ihm wird ihm unheimlich. Er fühlt, der andere hat recht mit seinem Bewerten. Auch die Verachtung des Juden hat ihre reale Grundlage, die von den Nichtjuden um so lieber ergriffen wird, als die naive Selbstachtung des Volkes das Eingeständnis der fremden Überlegenheit, wie sie in jener Furcht gebeichtet wird, nicht duldet. Selten wird des Juden Seele verachtet, aber so gut wie immer sein Körper. Er ist tatsächlich schwächlicher von Konstitution. Aber nicht das ist es: und wenn er stark wie Simson wäre, dem Volksempfinden, wie es sich äußert in Volksmund, in Liedchen, Inschriften und Zoten, bleibt der Jude der Entmannte. Denn so empfindet, sich selber kaum bewußt, das naive Gefühl des Nichtjuden jenes unausbleibliche Significans, jenes untrügliche letzte Erkennungszeichen des Juden. Woher auch sollte ihm erfaßbar sein, die geistige Symbolik von Brismilo, dem Zeichen des Bundes? Dem heute aufwachsenden Judenkinde ist jedes Symbol bloßer Brauch. So auch dieses. Mißverstanden, kindisch, naiv und unbewußt fühlt auch es sich selber so, als hätte irgendeine geheime Macht es mit depotenzierender Tendenz gestreift. So ist in seiner Seele eine gewisse Bereitschaft auch hier den Anderen zu glauben. Der Jude verachtet sich selbst, und um doch leben zu können, muß er auch dies Verachtete wie jenes Unheimliche von seiner Persönlichkeit lösen. Er verachtet das Judentum in sich und zugleich ist es ihm fürchterlich, unheimlich. Die große Synthese aus dieser Ambivalenz, wie sie in der jüdischen Kultur gefunden ist, vermag er nicht zu bilden. Ihm bleibt kein Weg, als sein eigener Antisemit zu sein. Und glücklich muß er sich fühlen, wenn er genug Grobempfindlichkeit erlangte, um eine Art Ruhe in scheinbar positiver Liebe zu einer anderen Nation oder der Menschheit zu fühlen. Das verschüttete, aus dem Bewußtsein verdrängte Hassen des Judentums ist die psychologische Grundlage, die Wurzel jener merkwürdig unscharfen Betrachtung der Dinge, die in der Forderung gipfelt, das Judentum müsse als Nation zugrunde gehen, damit die Menschheit erstehe. Sie ist aber auch die Voraussetzung dafür, daß kluge, feine Menschen nicht bemerken, wie Assimilation bejahen meist die Unforderung enthält, sich in den Aktionen zu assimilieren und also nicht mehr Ausdruck des eigenen, sondern fremden Wesens zu gestalten. Sie ist der Nährboden, auf dem viel Häßlichkeit und Krankhaftigkeit an Körper und Seele, an sozialer Erscheinung wächst. Auf der judenfeindlichen Seite wird viel von der Zersetzung, der Destruktion durch das assimilante Judentum gesprochen. Das meiste dieser Art ist Gehässigkeit, mindestens alberne Übertreibung. Auf der