Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 42 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Siegfried Bernfeld: Frage nach der natürlichen Gruppe. Die Wahl der Aktionen ist zugleich mitgegeben. Gewiß, auch gegen die innere Antwort ist eine Wahl für die Richtung der Aktion ins Deutsche oder ins Jüdische gegeben; für die meisten Juden Westeuropas dürfte auch gelten, daß sie die Empfindung haben, die Richtung ins Jüdische wäre die eigentliche Assimilation für sie, weil die ins Deutsche ihnen ganz natürlich wurde. Nur mögen diese nicht vergessen, daß sie ein unerkannt gewordenes Fremdes gegen Eigenes, gegen die Möglichkeit eines Eigenen vertauschen. Irgendwann wird jeder hemmend „längst vergessener Völker Müdigkeiten nicht abtun können von seinen Lidern", der den Ausdruck seines Wesens, Inhalt und Richtung seiner Taten anglich dem Ausdruck eines fremden Wesens, unter das Gesetz fremder Forderungen stellte. All dies zwingt sie nicht, sie greifen zurück. Und wenn demnach nicht die Juden im deutschen Milieu aufwachsen und darum nicht im Innersten beeinflußt werden, könnte man sie nicht durch irgend ein geschicktes Mittel in das deutsche Milieu verweben; wird das nicht in wenigen Jahrzehnten sein? So werden die Ästhetischen politisch, wenn es gilt, das jüdische Volk zu zerstören. So sehr hassen sie es. Hier zeigt es sich; ja, sie hassen es hinter der Maske der Gleichgültigkeit. Und weil sie das Judentum hassen, das Deutschtum aber sie nicht liebt, so dienen sie der Menschheit. Solcher Haß gegen die eigene Nation, gegen ein Stück seines ureigensten Selbst ist merkwürdig und bedenklich als Einzelfall, aber ungeheuerlich und von grotesken Folgen als Massenerscheinung. Die Westjudenheit ist in dieser seelischen Verfassung. Ihre psychische Einstellung gegen das Judentum gibt neben den wirtschaftlichen Tendenzen den zweiten Motor für ihren Willen zur Assimilation. Dort, wo jener nicht unmittelbar, sondern mittelbar durch die wirtschaftliche Ideologie wirksam ist, in den oben gekennzeichneten Kreisen, tritt dieser mit ganzer Macht in die Geltung und erzeugt eine Art psychologischer Ideologie, die Liebe zur Menschheit, die nun doppelt verankert, doppelt stark glüht und hinter dem verdichteten Vorhang eines kräftigen Positivismus, der Liebe, ihre Wurzel und Grundlage, die triebhafte Verneinung, den Haß verbirgt. Das Phänomen des jüdischen Judenhasses zu ergründen, kann nicht hier unsere Aufgabe sein. Aber ein Hinweis muß noch gegeben werden, um das Bisherige klarer und abschließende Postulate begreiflicher zu machen. Der Nichtjude befeindet, haßt vielleicht manche fremde Nation. Den Juden verachtet er. Manche Nationen achtet er gering, andere fürchtet er. Aber den Juden fürchtet er so tief, wie er ihn verachtet; er ist ihm ganz und gar unheimlich. Wie haben Beschuldigungen von Kindermord, Brunnenvergiftung und allen anderen unheimlichen Verbrechen in der Bevölkerung gefressen. Was hat man jüngst erst aus der braven Alliance Israelite für ein Schreckgespenst von geheimer Verschwörung jüdischen Machtwillens gemacht; wie so ganz als Orientalen, als Wüstling, als siegessichern Verführer germanischer Unschuld versucht man den Juden heute im Kreise der Lanz-Liebenfels und Chamberlain mit vollem Gruselerfolg vorzuführen. Und erst die Jüdin, wie tief unheimlich fühlt man sich abgestoßen und hingerissen von ihrer Dämonie. Aber diesen selben Juden, im selben Satz, im gleichen Gefühlsmoment verachtet ihn derselbe Arier. Jetzt ist der Jude der Schwächling, der Inferiore ohne Muskel und Schönheit, feig bis zur Lösung jeglicher Hemmung, ein verwachsener Krüppel fast und überdies ohne Leidenschaft,