Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 41 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Assimilation um der Menschheit -willen 4* ist, so besteht es dennoch; es ergibt sich aus einer Erscheinung der Assimilation, die man wenig beachtet, die aber den Schlüssel zu vielen Widersprüchen gibt. Gemeinhin wird angenommen, sich assimilieren heißt, der Jude verändere sich in seinem Empfinden, Denken, seiner Gefühlstemperatur und Anschauungsweise, seinen Werten so, daß er dem Deutschen in allen diesen Belangen gleich werde oder daß doch die bleibende Differenz zu klein werde, um noch bemerkbar zu sein. Zwei Voraussetzungen enthält diese Meinung in sich; erstens: heute ist der Jude anders; zweitens: all dies ist veränderbar, sei es willkürlich durch bewußtes An-sich-ändern, sei es durch die unbewußte, dennoch sichere Einwirkung des deutschen Milieus. Und dieses Zweitens, das immer jener Auffassung von Assimilation impliziert ist, explizite auszusprechen, genügt schon, es als Irrwahn zu erkennen. Wenn die Veränderung der fundamentalen psychischen Formen möglich ist, dann einzig und allein im Falle, daß wirklich das deutsche Milieu auf den Assimilatoren wirkte; wenn es unter gleichen Bedingungen für ihn und das aufwachsende deutsche Kind gegeben wäre. Beides gilt nicht für die ersten Generationen der Assimilation. So wenig zwei Geschwister unter gleichen Bedingungen aufwachsen, trotzdem ihre Eltern und das Milieu identisch sind, weil nämlich das eine der Geschwister ältere, das andere jüngere Geschwister hat, so wenig wären Juden und Deutsche denselben Bedingungen ausgesetzt, weil der Jude in entscheidenden Kinder jähren Judenfeindschaft an sich erfährt, während der Deutsche sie an anderen ausübt. Wäre nun außerdem das Milieu das gleiche! Aber wer will im Ernste leugnen, daß Judenkinder so gut wie nie im deutschen Milieu, sondern beinahe immer im jüdischen, freilich oft genug im assimilatorischen, aber darum eben im noch nicht deutschen aufwachsen? Hier gilt ganz scharf das Paradoxon, von dem wir oben sprachen. Nicht, die Juden müssen sich assimilieren, sondern sie können es nicht. Tatsächlich ist der Vorgang der Assimilation ein anderer. Nicht das Wesen, die Struktur der Seele, ihre Formen und Rhythmen gleichen sich der deutschen an, sondern ihre Inhalte, und jene ihrer Expressionen, die willkürlicher Beeinflussung zugänglich sind. Um mit dem Äußerlichen zu beginnen: nicht das Gesicht wird anders, sondern Haar- und Barttracht, nicht das Temperament mäßigt sich, sondern die Art und das Maß seiner Ausdrucksbewegung — solange als der Zwang zur Hemmung besteht, oder auch bloß soweit die Kraft der Selbstbeherrschung reicht. Und weiter: nicht die Denkweise ändert sich, sondern sie wird statt am Midrasch an Kant geübt, wenn überhaupt. Und so in allem. Es besteht eine Assimilation der Aktionen, der Expressionen, und nicht der Impressionen. Diese Unterscheidung löst einen Widerspruch, der manchem Leser bis hierher bemerklich gewesen sein mag. Zugleich leugneten wir die Assimilation und zugleich suchten wir nach Mitteln sie zu hemmen. Jetzt können wir es klarer formulieren. Wir fürchten die Assimilation der Inhalte, des Ausdrucks, der Aktionen; die des Eindrucks, der Formen ist im allgemeinen nicht möglich, zum mindesten ist sie nicht willkürlich zu erzeugen, am wenigsten zu organisieren. Ist ja irgendwem die Angleichung der Struktur gelungen, dann wird keine Assimilation gewünscht, sondern dann ist sie ohne Willen, vielleicht gegen ihn, vollzogen. Dann ist auch die Wahl entschieden. Ob es geschehen ist, muß jeder von sich selber sagen. Kann er es aussprechen, ganz ohne Hemmung, Zittern, Lächeln: Wir Deutschen; oder nicht; oder fühlt er doch, wie sich Getrenntes in ihm schließt, wenn er nachher versucht zu sagen: Wir Juden? So einfach ist die