Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 40 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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4o Siegfried Bernfeld: worauf einzig es ankommt, ist, daß die Gruppen sich auf den Weg zur Menschheit machen. Von der Bestialität führt kein Weg zur Humanität als durch die Nationalität. Menschentum verwirklichen, die Idee Menschheit realisieren, ihre ewigen Werte, ihren ganzen Kulturbesitz wahrhaft wirkend zu machen, heißt, den inneren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, geistigen, sittlichen Bau der Gruppen in seinem tiefsten Wesen, in jeder Beziehung nach jenen Werten richten, mit jenen Werken durchtränken, mit jener Gesinnung erfüllen. Das ist die heutige Forderung. Ihr gilt es zugleich, vielleicht vor der persönlichen zu genügen. Dieser Weg ist noch nicht beschritten worden. Er trägt in sich die Hoffnung auf ein Gelingen, und wäre es nur deshalb, weil er allein noch nicht beschwert ist von der Kette der Mißerfolge und Enttäuschungen, die sich in Jahrhunderten fügte, Glied für Glied in jeder Generation. Wir brauchen, die Menschheit braucht ihn, den politischen Menschen. Darunter sei einer verstanden, der erfaßt ist von einem leuchtenden Bild zukünftiger Ordnung der menschlichen Dinge, dem dieses Bild das absolute Sollen ist, klar erkannt und so innig seinem Selbst einverleibt, daß es nicht mehr intellektuell in ihm wirkt, sondern Gefühl, Trieb, Wille wurde; einer — und das ist das unerläßliche —, der alle seine schöpferischen Energien, das ganze Maß ihm vergönnter Leidenschaft und Arbeit der Verwirklichung dieser idealen Ordnung widmet. Dieser politische Mensch hat Sinn und Aufgabe nur in seiner natürlichen Gruppe, in seiner Nation. Sie ist der Ort, das Medium, in dem er wirksam werden kann und muß. Sein Ziel wird sein, die Tatsache der gegenwärtigen Lage seiner Nation so zu verändern, daß in ihr die Menschheit realisiert sei. Wer von den Ästhetischen nicht beim Wort stehen bleiben will, wesenlos und unfruchtbar im tiefsten Grunde, die Verwirklichung der eigenen Worte hemmend, muß politisch werden in diesem Sinn. Hier sieht der assimilatorische Jude im deutschen Lande seinen Weg sich in zwei scheiden. Zwei Nationen erscheinen in gleicher Weise als seine natürliche Gruppe. Und an dieser Stelle muß er sich entscheiden. Denn was ihm als dritte Möglichkeit erschien, ist keine. Er kann nicht in die Menscheit, ohne mit der jüdischen oder der deutschen Gruppe zu gehen. Man versucht gern, und nicht mit üblem Erfolg, diese noch übrige Wahl zwischen der deutschen und jüdischen Nation durch allerhand hinzugefügte Problematik schwieriger, verflochtener und unlöslicher erscheinen zu lassen als sie ist, um sich nicht entscheiden zu müssen oder um die Schuld an diesem Unterlassen der pathologischen Verwirrtheit der Dinge und nicht der eigenen Verwirrung und Feigheit beimessen zu können. Nichts könnte klarer sein als natürlicherweise das unmittelbare Gefühl der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Deine natürliche Gruppe ist jene, der du angehörst, nicht jene, der du angehören möchtest. Darum ist auch vorweg zuzugeben: manche Juden mögen Deutsche sein; besser noch, es mag Deutsche geben, deren Vorfahren Juden waren. Aber das Bemühen Eines, aus der jüdischen Gruppe zu entkommen, beweist, wo er gebunden ist. Jene Gegner der Antisemiten, die das Recht der Assimilation für die Juden verfechten, auch sie erklären gerade durch diese Rechtsforderung, daß die Juden eine Gruppe und daß sie für jeden Juden nach gültigem Empfinden seine Gruppe sind. Wenn das Problem der Nationenwahl für den deutschen Juden auch bei weitem kein allzu verwickeltes, in die metaphysischen Tiefen seiner Existenz reichendes