Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Die Assimilation um der Menschheit willen
Date
1917-01-01
Page
39 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101128-3101820--1251-3101909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Assimilation um der Menschheit willen 39 Tatsachen. Solange die Menschheit eine Wirtschaftsordnung bestimmt, in der alle Menschen — wir sagen alle, weil das Häuflein der Ausgenommenen wahrhaftig nicht mitzählt — so gut wie alle ihre Kraft, ihr ganzes Denken und Wollen dem einen Zweck zuwenden müssen, leben zu können, so lange wenigstens ist nur diesem winzigen Häuflein — und einem Teil der Jugend — die Möglichkeit gegeben zur ästhetischen Betrachtung der Dinge. Diese Ordnung ist nun einmal Tatsache. Überdies, jene Arbeit ums Leben geschieht nicht homogen in der Menschheit, sondern Gruppen von Menschen, zusammengehalten durch unterschiedliche Gruppen von Produzenten, sind gemeinsam am Werk: die Nationen. Die Lebensmöglichkeit jedes Einzelnen dieser Gruppe ist innig verknüpft mit ihrer Gesamthaltung und Machtbereicherung. So wird zum zweitenmal das geistige Schaffen und Genießen des Einzelnen eingespannt in einen wirtschaftlichen Rahmen. Nur was der Gruppe an Kräften freibleibt, ist geistigen Werten und Werken gewidmet, aber in Richtung und Kraft überdies bestimmt vom Zwang zur Selbsterhaltung der Nation, der in den verschiedenen verschieden stark und nach verschiedenen Richtungen wirkt, verschiedene Kulturen erzeugend. So ist das Menschenhäuflein der Geistigen, die die Menschheit repräsentieren wollen, noch überdies in unterschiedliche Gruppen geteilt, die unauflöslich verknüpft sind mit ihrem Nährboden, ihren Nationen. Das ist das Unglück, wogegen wir kämpfen, rufen die Liebhaber der Menschheit. Aber kämpft ihr denn? Wollt ihr verändern und was und wie? Hier ist der angedeutete Punkt, wo jede ästhetische Weltanschauung ihre tödliche Krise erhält, wo sie übergehen muß in die ethische, politische oder an Unfruchtbarkeit sterben, an allzu lebensdünner Atmosphäre ersticken. Es kann eben nicht bleiben, wie es ist. Man muß, wir müssen verändern. Es gibt genug der größten Werke und Werte, seitdem im Osten irgendwo die ersten erdacht, ausgesprochen und eingemeißelt wurden. Wir müssen beginnen, nach ihnen zu richten, wir müssen sie erlösen, und das heißt sie verwirklichen. Die Menschheit ist nicht, sie soll erst werden. Sie ist die vornehmste unserer Aufgaben. Auch manche der Ästhetischen erkennen dies. Aber sie behaupten, einen Weg zu wissen, der zur Erfüllung führt, ohne daß sie selber tätig werden müßten. Selbst, ohne daß sie gezwungen wären, zum politischen Weltbild sich umzudenken. Solchen Heils- und Zauberweg glauben sie zu gehen durch persönliche Erfüllung des Menschentums. Kein Wort sei gegen diesen Willen an sich gesagt. Er ist ein allgemeines Ziel jedes Menschen. Aber er ist kein Weg, der zur Menschheit führt. Zu allen Zeiten, bei allen Völkern gab es Menschen höchsten Edelsinns, vollkommenster Reinheit der Gesinnung und der Tat, weisester Einsicht in Menschen, Dinge und Beziehungen. Immer waren diese eingestreut in die überwältigende Masse der andern. Sie haben die Menschheit nicht höher gebracht; sie haben die Kluft zwischen Ziel und Gegebenheit erweitert, indem sie ein immer höheres, immer reineres Niveau anzeichneten für den Aufstieg der. anderen, die nicht folgen können und wenn sie selbst wollten; allein sie können nicht einmal wollen. Selbst wenn die Zahl der Folgenden immer größer würde, — es gibt keine Möglichkeit, keinen Weg, ihr Wachsen zu erzwingen, zu sichern, zu ermöglichen, solange die Menschheitssucher vereinzelt irren. Die Menschheit ist ein Problem der Gruppen nach jeder Richtung hin. Denn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.