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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Die Assimilation um der Menschheit willen
Date
1917-01-01
Page
38 (sequence 7)
Language
German
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38 Siegfried Bernfeld: aus auf alle Gruppen wirken, oder besser, auf Einzelne in allen Gruppen zu wirken vermögen. Die Schöpfer dieser Werke mit deren Verehrern zusammen sind ihnen die Menschheit, die Werke sind ihnen das Kulturgut der Menschheit. So ist die Realität der Menschheit eine geistige und ihr gegenüber erscheinen die Realitäten der Nationen als die materiellen und gegengeistigen. Und diese selbe Gesinnung äußert sich auch in jener zweiten Formel: ich will mich dem weiteren Kreis der Menschheit widmen, dem Höchsten zuwenden. Verständlich ist solche Gesinnung aus der wirtschaftlichen Freiheit, in der allein diese Ideologie erwächst, aber zu billigen ist sie dennoch nicht, trotzdem sie den Schein des kompromißfreien Geistigen für sich hat. Es ist nötig sich ganz klar zu machen, was solche Widmung des persönlichen Lebens an den Kulturbesitz der Menschheit bedeutet, daß er ein beharrlich festgehaltener Rest einer abgestorbenen Lebenshaltung und Gesinnung ist: der ästhetischen, in einem weiteren Sinn. Nur ein Dasein, dessen zentrales Erfaßtsein sich erschöpft im Genuß der Kunst und Wissenschaft, kann gemeint sein mit jenem ganz abstrakten „sich den höchsten Dingen widmen" oder allenfalls noch eins, das sich zum Zweck setzte, solche Werte zu erzeugen. Aber wie vielen wird dies in Wahrheit gegönnt sein, von denen, die sich zur Menschheit zählen, die nicht Deutsche, nicht Juden sein wollen, sondern Menschen? So bleibt doch bloß das Genießen. Wäre diese ästhetische Weltanschauung in sich völlig geschlossen, so bliebe eine Möglichkeit, sie irgendwie zu bejahen. Aber nicht einmal dies ist der Fall. Sie wird gewaltsam durchbrochen von Realitäten, die man verneinen und bekämpfen, aber nicht übersehen kann. Was soll der Kultus des Menschheitlichen anderes als eine Täuschung sein gegenüber der Tatsache, daß der Kanon der allgemein menschlichen Werke in jeder Nation ein anderer ist, daß notwendigerweise im Weltbild, in der Menschheit des Menschen deutscher Erziehung Goethe und Kant eine größere oder doch unvergleichlich andere Rolle spielen, als in den Menschen französischer oder russischer Erziehung, und daß, um noch eins zu nennen, auch der Begriff dieser Menschheit selbst andere Prägung beim kosmopolitischen Deutschen und andere beim kosmopolitischen deutschassimilierten Juden gewinnt? Ob es einer wahr haben will oder nicht, es gibt so viele verschiedene Reliefs der angeblich einen Menschheitskultur, als es verschiedene Nationen gibt; und dies gilt für die Wissenschaft so gut wie für die Kunst, ganz zu schweigen von der Philosophie. Die Wahrheit ist eine, aber das Interesse an ihren differenten Seiten und unendlich vielen Brechungen und Ausstrahlungen ist in jeder Nation ein anderes. Und dieses Interesse ist es, das die Wahrheitsforschung, die Wissenschaft, bestimmt und vor allem die Wissenschaften. So kommt es, daß die Probleme jeder Wissenschaft in den Nationen verschiedene sind. Man lese wissenschaftliche Zeitschriften und Bücher in deutscher, französischer, englischer Sprache und man wird verblüfft sein, eine französische, englische und deutsche Psychologie, Soziologie oder Nationalökonomie zu finden. Gewiß ist auch uns: was Wissenschaft feststellt, was Philosophie ergründet, was Kunst darstellt an irgendeinem Ort, das wird irgendwie lebendig werden an allen andern; aber nicht so, daß eine menschheitliche Kultur daraus entstände, sondern so, daß jede Nation aus jenem Schatz sich aneignet, wonach sie gerade Hunger hat, und so aneignet, wie es ihre geistig-materielle Natur verlangt. Das hat seinen unvermeidlichen Grund in vielleicht sehr ungeistigen, aber sehr realen

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