Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 37 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Assimilation um der Menschheit willen 37 anzustreben. Aber verächtlich und gefährlich ist solche Unklarheit der Motive, die zu völliger Verwirrung und zu verkehrtem Tun führt. Nicht genug daran, daß keineswegs die Idee der Menschheit, wenn sie nur als vernünftiger Begriff konzipiert wird, die Assimilation der Juden fordert, sie wird durch sie auch gar nicht gefördert. Zunächst erfährt die an sich hohe Idee der Menschheit durch solche Forderung eine sehr merkwürdige und wenig erhabene Veränderung, Zuzugeben ist, daß keiner von den Assimilatoren an jene Gestaltung denkt, wie sie oben angedeutet wurde. Aber dennoch müssen sich seine Gedanken folgerichtig in diese Gegend hinbewegen, denn er fügt ein imperialistisches Moment als wesentliches in seine Konzeption der Menschheit ein, sowie er die Vernichtung irgend einer lebenswilligen Nation zur Voraussetzung nimmt, oder grundsätzlich zuläßt; und das wird doch der jüdischen Nation gegenüber verlangt. Im Namen der Menschheit. Einerlei, ob einer die Assimilation fordert, weil er das Deutschtum als Menschheit will, oder ob ihm eine Gesamtheit vorschwebt, in der sich die Kulturen einiger wenigen, heute mächtigen Nationen in den Besitz der Erde teilen, immer wird dies eine Menschheit sein, im Wesen wie die heutige, eine imperialistische, zerfallend in herrschende und unterdrückte Völker. Und wäre es auch nur ein Kulturimpeiralismus; warum sollte dieser weniger schlimm sein, wo doch kein Zweifel ist, daß er auf wirtschaftlichem aufgebaut sein würde? Aber wenn man die großen Worte von Gerechtigkeit, Frieden, Menschheit zurücknähme und sich bekennte: Nie kann es eine andere Menschheit geben als eine solche imperialistische, dann ist es erst recht an den Juden, die Frage zu erheben: Da euch also gewiß ist, daß jene Nationen unterdrückt sein werden, die am Tage der Menschheitgründung, der Gründung solcher Menschheit, nicht mächtig und schöpferisch sein werden, warum soll keine Veränderung in der Machtverteilung, in dem Schöpferanteil der Nationen bis dahin sich vollziehen dürfen, oder vielmehr, weil dies in solcher Allgemeinheit doch keiner meint und will, warum sollen die Juden nicht versuchen dürfen, sich bis dahin einen Rang zu erobern, der allein ihnen Rechte in der Menschheit geben wird? Warum die Juden allein nicht? Und mehr noch. Die Assimilation der Juden erhält gar nicht den kulturellen Status quo der Nationen, wie manche meinen, sondern verändert ihn. Auch sie schafft eine neue Lage. Die Juden assimilieren sich doch nicht der Menschheit, sondern konkreten Nationen, und zwar nur einigen von ihnen, diese vermehrend und kräftigend und somit andere schwächend. Die erste Generation der Assimilierten freilich erzeugt eine Klasse von Menschen, die nicht so innig der Nation verbunden sind, die wirklich übernationalen Zusammenhang haben, nämlich den mit allen anderen noch nicht ganz assimilierten Juden in den anderen Nationen. Aber auch das ist Zusammenhang einer bestimmten nationalen Gruppe. Oberflächlichem Betrachten mag diese die Hoffnung auf einen Keim der Menschheit, der wahren übernationalen Verbundenheit, erwecken. Aber deren Nachfolge, wenn sie sich wirklich ganz assimiliert, ist dann völlig aufgegangen in die umgebende Nation, und keinerlei Sicherheit ist gegeben, vielmehr jede Gewähr genommen, daß n*cht diese zweite oder eine dritte Generation alles Völkertrennende in sich bejahe. Bezeichnend ist für die lebens- und wirklichkeitsfremde Art dieser Menschkeitsideologie, wie sie auf die Frage nach der Realität der Menschheit in der egenwart zu antworten vermag. Ihr ist die Menschheit gegeben in den Werken er Kunst, Literatur und Wissenschaft, die über jede nationale Begrenzung hin-