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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 36

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Die Assimilation um der Menschheit willen
Date
1917-01-01
Page
36 (sequence 5)
Language
German
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36 Siegfried Bernfeld: blicklich, d. h. auf der Basis des Status quo nunc. Die Forderungen für eine jüdische Nation erscheinen ihnen geeignet, den Idealzustand zu verschieben. Wozu noch eine gesonderte Nation? Haben wir deren nicht schon genug, zu viele? Auch uns beseelt die Hoffnung auf eine Zeit der Menschheit, wo alle Völker miteinander im Frieden sein und miteinander gegen Ungerechtigkeit und Unwürde kämpfen werden. Und eben darum müssen wir uns wenden gegen jene Art, Wirklichkeiten, Forderungen, Ziele bunt zu vermengen mit Phantasien, Wünschen und Phrasen. Die Menschheit ist nicht, sie soll erst werden. Niemand vermag zu sagen, wie sie sein wird» Aber eins ist gewiß, sie wird nicht aus einer homogenen Masse von Menschen bestehen, sondern irgendwie aus einem Bau natürlicher Gruppen. Wir haben nur eine Möglichkeit, uns eine Menschheit homogener Art im Rahmen des heute Gegebenen oder jemals Gewesenen vorzustellen. Wenn irgendeine Gruppe ganz weniger Einzelner in den Besitz des gesamten Bodens der Erde, aller seiner natürlichen Kräfte und Mittel, aller Werkzeuge zu irgendwelchen Produktionen gelangte und aus dieser unumschränkten Allmacht die übrigen Menschen zu Tieren der Arbeit verurteilte, denen keine wache arbeitsfreie Stunde, keine arbeitsfreie Kraft gegeben wäre; wenn diese Gruppe alle ihre Arbeitstiere zu einer und derselben notdürftigen Sprache, nicht mehr Sprache, nur noch Bedürfnisäußerung, zwänge, dann gäbe es vielleicht die eine einheitliche homogene Menschheit — so lange als jene Machtbesitzer nicht erschlagen würden. Niemand denkt so etwas mit einem Schimmer von Ernst, der das Wort Menschheit spricht. Und also denkt jeder an Menschheit, als an eine Organisation von Menschengruppen. Wenn aber Menschengruppen, dann gewiß Nationen; falls es bis dahin noch solche gibt, wie es gewiß ist für jene Zeit, die die Ungeduld der Menschheitsfreunde als die ihres großen Tages sich denkt. Darum muß an dieser Stelle die wichtigste Entscheidung getroffen werden: Sollen alle Nationen, alle Gruppen, die sich als Nationen fühlen und bejahen, aufgenommen sein in jenes großartige Organon oder sollen einige ausgeschlossen, und das heißt vernichtet, sein? Jene Anwälte der Menschheit werden vielleicht selbst Eskimos, Tataren, Buschmänner und Tasmanier willkommen heißen, wenn aber nicht, so doch die Kulturnationen einbeziehen. Alle, nur die Juden nicht. Hier ist ein Widerspruch von solcher Größe und Aufdringlichkeit, daß wir vermuten müssen, mächtige seelische Kräfte erzeugen diese geistige Trübe, um in ihr gesichert fischen zu können. Um ein Symptom bloßzulegen, wollen wir auf diesen einen deutlich hinweisen. Man bemerkt nicht, was doch so klar ist, daß aus der Idee der Menschheit die Vernichtung irgend einer Nation nicht verlangt werden kann, ohne jene in sich selber aufzuheben; noch viel weniger einer Nation, die geradezu diese Idee zum ersten Mal konzipiert und in Werken vollkommenster Gestaltung immer und immer wieder gepredigt hat. Diese unmögliche Forderung aber wird noch absurder dadurch, daß nicht die Assimilation an die „Menschheit" verlangt wird — und auch gar nicht verlangt werden kann — sondern an das Deutschtum, wobei der Versuch nicht einmal unternommen wird, nachzuweisen, daß das Deutschtum menschheitswürdiger sei als das Judentum. Sie wollen die Assimilation der Juden, weil sie das Deutschtum wollen, und nicht, weil sie von der Menschheit gefordert wird. Es ist ein Hohes, das Deutschtum, seine Kraft und Entfaltung zu wollen, und nicht unehrenhaft, es als Jude

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