Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 35 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Assimilation um der Menschheit willen 35 die Möglichkeit, zwischen Assimilation und einem anderen zu wählen, während der übrigen Judenheit auch diese Möglichkeit nur sehr eingeschränkt oder auch garnicht gegeben ist. Wofür sich nun einer konkret entscheidet, das ist freilich das Ergebnis sehr mannigfacher Bedingungen, unter denen aber die Sympathie für eine bestimmte Ideologie wohl sehr im Vordergrunde steht. Möchte man diese Bedeutung der Ideologie bezweifeln, so sei doch bedacht, wie zwar der Vater in Familien, die uns hier vorschweben, in seinem beruflichen Leben, vielleicht auf Schritt und Tritt, gewiß aber auf den wichtigen Wegen, zu assimilatorischen Taten gedrängt wird und ihr Unterlassen sich im wirtschaftlichen Gefüge der Familie sehr bald rächt, wie aber das Verhalten und Meinen seiner Kinder vollkommen neutral ist für das materielle Wohl der Familie. Zwei Tatsachen stützen dies auch außerdem: daß immer und überall gerade die akademische Jugend antiassimilatorische Tendenzen zuerst aufweist, und daß zweitens ganz allgemein immer und überall die Erwachsenen den akademischen Idealen ihrer Jugendzeit untreu werden, weil nämlich mit ihrem Eintritt ins Berufsleben die Umstellung rasch oder langsam und unvermeidlich eintritt; früher bestimmt von der Ideologie, wandeln sie jetzt die Ideologie nach den wirtschaftlichen Tendenzen, denen sie verfallen sind. Wenn unsere Aufgabe die Hemmung der Assimilation ist (später soll deutlicher werden, was allein damit gemeint wird), so sind demnach zwei verschiedene Wege zur gleichen Zeit einzuschlagen. Wirtschaftliche Maßnahmen dort, wo wirtschaftliche Tendenzen und Kämpfe der Motor der Assimilation sind und die Ideologien sich erst sekundär stützend und fördernd erzeugen. Kampf gegen die Ideologie dort, wo diese das entscheidende Movens ist. An einem Beispiel sei im folgenden als kleiner Beitrag zu diesem Kampfe die Idee der Menschheit analysiert, die ein wichtiger Inhalt aller assimilatorischen Gedankengänge und vielleicht der wichtigste in jener Jugend ist, von der wir eben sprachen und in deren Kreis vor allem der Schauplatz des ideellen Kampfes um die Assimilation liegt und in Zukunft erst recht wird liegen müssen. „Die Menschheit verlangt die Assimilation der Juden, die Auflösung ihrer nationalen Sonderart und -existenz." Auf diese Formel läßt sich das mannigfaltige Gewirre sehr klarer und sehr unklarer Argumente reduzieren, die bei jeder Erörterung der Judenfrage im Kreis der akademischen Jugend den nationalistischen Sprecher umschwirren. „Ich will mich der größeren Idee der Menschheit, dem Allgemein-menschlichen widmen, nicht dem kleinlichen Ideal des Volkes." Das ist die Grundlage, auf der unzählige Einzelne ihre persönliche Entscheidung aufbauen. Die alte Idee der Menschheit, schon etwas blaß und ohne rechte Kraft, erfährt dort eine neue Färbung und neue Werbekraft, wo Kampf zwischen Nationen herrscht und eine Gruppe außerhalb der im Grunde miteinander streitenden wirtschaftlichen Tendenzen und daher außerhalb deren Werkzeuge, der feindlichen Nationen, unergriffen aber dennoch mitbetroffen stehen bleibt. Also in der jüdischen akademischen Jugend Österreichs seit 1848; in beträchtlichen deutschen Kreisen während des gegenwärtigen Krieges und unter ihnen wieder in großen Teilen der jüdischen akademischen Jugend. Solchen Gruppen erscheint die friedliche Menschheit als Gegenbild, als Ideal. Ihnen schiene am besten, es gäbe keine Nationen oder sie schlössen doch ewigen Frieden, und zwar augen- 3*