Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 34 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Siegfried Bernfeld: vor allem darin, daß die Assimilation eine ökonomische Forderung ist, eine Folge oder doch ein Ziel des Kampfes um die materielle Existenz, um die wohlbehagliche Existenz, den jeder Mensch in unserer kapitalistischen Zeit für sich allein auskämpfen muß. Die Möglichkeit, sich nicht assimilieren zu müssen, wäre weiten Schichten der heutigen Judenheit einzig und allein dadurch gegeben, daß sich ihnen eine gesunde Volkswirtschaft eröffnete, die mindestens die gleichen materiellen Hoffnungen zu bieten vermöchte, wie die deutsche, die polnische, die amerikanische, die aber zur Einlösung dieser Hoffnungen keine Assimilation verlangte, höchstens in gewissem Sinne die an das eben verlassene Judentum. Und wenn wir jüdischen Politiker, wir mögen uns nun Nationalisten, Zionisten oder Sozialisten nennen, Gründe haben, die Hemmung der Assimilation, soweit sie überhaupt besteht, zu wünschen, so bleibt uns allen im wesentlichen keine andere Möglichkeit als der Aufbau einer autonomen und organischen Volkswirtschaft auf jüdischem Boden. Kein Kampf mit Argumenten, Gefühlen und Wertungen kann uns dieser einzigen Pflicht entheben, kann uns dies einzige Mittel positiver jüdischer Politik ersetzen. Aber so gewiß die Argumente der Assimilation nur sekundäre Gebilde, ideologische Hilfen für nicht selten unbewußte, ökonomische Tendenzen sind, so gewiß haben sie eine Art Eigenleben, wirken sie im Sinne ihrer Tendenzen über den primären Kreis der ökonomisch bestimmten Assimilation hinaus, einen weiteren, sekundären schaffend, in dem sich die Beziehung von Argument und ökonomischer Triebkraft umkehrt. Sie erzeugen eine Sphäre der Assimilation, in der das Argument zum primären Motor wird und erst so die ökonomische Tendenz auch in diesem Kreise sich durchsetzt. Drei Volksschichten sind es vor allem, die in der assimilatorischen Tendenz von der assimilatorischen Ideologie her festgehalten oder erst in sie getrieben werden. Erstens, die ökonomisch weitgehend Unabhängigen; die Besitzer bedeutender Kapitalien und der wichtigsten Produktionsmittel, die durch keinerlei private Gesinnung und Übung, durch keinerlei öffentliches Eintreten und Auftreten gefährdet sind. In gleichem Fall mit diesen sind, zweitens, jene, denen umgekehrt keinerlei Gesinnung und Auftreten irgendeine Hoffnung bringt, in der gegenwärtigen Gesellschaft oder unter den augenblicklichen Zuständen etwas zu gewinnen; so gewisse Kreise des jüdischen Proletariats und vor allem ein großer Teil der mittellosen jüdischen Akademiker. Aber nicht im ganzen Umfang, noch weniger in ganzer Kraft gilt das Gesagte für diese Kreise. Bei jenem Teil der Jugend, die einem langdauernden Studium gewidmet ist, trifft es aber tatsächlich im wörtlichen Sinne zu, daß sie von der Ideologie her ihre Einstellung zur Assimilation erhält. Und das ist der dritte Kreis der jüdischen Bevölkerung, dem der jüdische Politiker sonach eine besondere Aufmerksamkeit zuwenden muß : die Jugend der höheren Schulen und der Universitäten. Die allgemeine Einstellung auf geistiges Bewerten bei einer beträchtlichen Zahl unter dieser Jugend und die Tatsache, daß sie nicht direkt in das Wirtschaftsleben eingegliedert ist, sondern nur durch Hörensagen von dem wirtschaftlichen Nutzen, der wirtschaftlichen Notwendigkeit der Assimilation erfährt, ohne beides am eigenen Leibe, an der eigenen Seele zu spüren, erzeugt in ihr die Einstellung, die Notwendigkeit der Assimilation für sich als ungültig zu empfinden oder als aus wirtschaftlichen Erfordernissen erflossen und also von geringerem Entscheidungswert aufzufassen. Sie hat demnach