Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 33 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Assimilation um der Menschheit willen 33 Selbstenteignung führt, so lehnt es sich wild gegen diesen Zwang auf, sofern ihn etwa ein mächtiger Eroberer ausübt, oder aber es gelangt zu wehmütiger Resignation, wenn jener Zwang ausgeht von geheimen, unentrinnbaren, etwa ökonomischen Mächten. Kein Unbeteiligter wird diesen Vorgängen und Zuständen sein Mitleid versagen. Jeder wird die Größe bewundern, auch wenn sie am größern Widerstand scheitert. Ein Problem jedoch liegt nicht vor, am wenigsten eines mit pathologischen, grotesken Auswirkungen. Auch nicht in dem Fall, den die Geschichte schon oft gesehen hat, daß in jahrzehntelanger friedlicher Arbeit zwei Völker sich zu einem verbinden oder, wie es auch zuweilen geschah, die Glut gemeinsamer Begeisterung, die Bedrohung durch gemeinsamen Feind fremde Gruppen zu einem Körper zusammenschweißte. Aber alle diese Formen gelten nicht für die jüdische Assimilation in der gegenwärtigen Zeit. Von langsamer, friedlicher Durchdringung ist hier keine Rede, von plötzlicher Liebe noch weniger und an den notwendigen Untergang der Juden glaubt kein Nichtjude recht. Selbst wenn ihn etwa Theilhabers oder ähnliche Bücher von der Möglichkeit des Untergangs der deutschen Juden überzeugt haben mögen, so erscheint ihm doch der Jude, der ein integrierender Bestandteil europäischer Geschichte ist, seit es eine solche gibt, ganz im wörtlichen Sinne der ewige zu sein. Gerade deshalb, weil die Assimilation der Juden keine Tatsache ist, wird sie zum schweren Problem Europas östlich der Linie Berlin—Wien. Weit entfernt davon, als Problematik der Nation gegeben zu sein, die sich einer anderen angleichen muß, ohne es zu wollen, liegt sie vielmehr, paradox gesprochen, umgekehrt darin, daß Teile dieser Nation sich assimilieren wollen, ohne es zu können. Trotz der großen Zahl von Übertritten, trotz der immer wachsenden Zahl von Mischehen, wachsend auch, wenn man die beträchtliche Menge der scheinbaren Mischehen zwischen Getauften und Noch-nicht-getauften abzieht, sind im ganzen auch diese assimilierten Juden nicht aufgegangen im Deutschtum. Man könnte vergleichsweise sagen, daß die Juden keine chemische Verbindung mit ihrer Umgebung eingegangen, sondern in ihr bloß aufgelöst sind. Innerhalb der Diaspora, der Versprengung beträchtlicher Volksteile über Europa, findet eine Atomisierung dieser Volksteile selbst statt, indem ihre Individuen unter die anderen verstreut sind; oft unkenntlich nach ihrer eigentlichen nationalen Zusammengehörigkeit. Das Judentum ist mancherorts in der Diaspora aufgelöst. Aber wie eine geringfügige Änderung des Gleichgewichts, das Hinzutreten irgendeines neuen Stoffes genügt, um eine Lösung rückgängig zu machen, um die gelöste Substanz aus ihr ausfällen zu lassen, so genügt eine schwache Veränderung des politischen, ökonomischen oder kulturellen Gleichgewichts, um die Juden aus der Unsichtbarkeit ihrer Lösung fällen zu lassen, um sie als Juden, als geschlossenen eigen- und fremdartigen Bodensatz bemerkbar zu machen. Innerhalb des Staates, in den kleineren Gesellschaften bis in die Geselligkeit hinein, wirkt oft eine kleine Handlung, ein Wort, eine Bewegung als fällendes Akzidens, und in der zurückweichenden Umgebung bleibt der Jude als befremdetes oder befeindetes Wesen stehen, isoliert. Wenn dennoch der Ruf „Zurück zum Judentum" bei den assimilatorischen Juden verhallt und auch dann verhallen würde, wenn die Einsicht verbreitet w^re, daß es nicht niedrige Instinkte, Vorurteil und Aberglauben allein sind, die eutscherseits das Aufgehen der Juden verhindern, so hat dies seinen Grund Htft X/2. q