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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 31

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Gedanken über die Emanzipation
Date
1917-01-01
Page
31 (sequence 4)
Language
German
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Gedanken über die Emanzipation 31 regelungen von oben, und daher kam es auch, daß die Forderungen und die Zumutungen der Umwelt seitens dieser Seele auf keinen genügend festen Widerstand stießen. Man wolle mich indessen nicht mißverstehen. Das Heteronome in der jüdischen Kulturentwicklung war ursprünglich ganz gewiß der Ausfluß einer vorwiegend ethisch orientierten Gesinnung, die ganz natürliche Objektivierung einer besonderen Geistesrichtung, die Projizierung gewisser zu einer außerordentlichen Intensität gelangten seelischen Prozesse. Wir verdanken dieser Projizierung die schönsten Blüten des jüdischen Geistes, den großen Stil" in der Moral, den Begriff des der gesamten Antike unbekannten Absoluten in der Sphäre des Ethischen, die Idee der sozialen Erlösung d. i. die der Erlösung auf eine Gesamtheit bezogen, und noch manches andere. Der jüdische Geist trieb diese Blüten, solange sich in dieser Objektivierung der lebendige Fluß des Geistes widerspiegelte. Aber man ließ sie im Laufe der Zeit zu einer harten Kruste erstarren, die auf dem jüdischen Gehirn lastete. Eine lange, lange Zeit hindurch kannten wir nur Bedingungen, Bindungen und Verpflichtungen von oben herab, und bei einer jähen Wendung in der Geschichte fiel es uns daher leicht, diese Bindungen und Bedingungen durch solche von außen her zu vertauschen. Ich weiß — diese Verkrustungen haben eine der wunderbarsten konservierenden Wirkungen gehabt; dank ihnen erhielt sich die Nation mitten in einer Welt voller Drohungen und Gefahren. Es fällt mir nicht im geringsten ein, diese Tatsache etwa in Abrede stellen zu wollen. Aber man wolle doch darüber den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem auch im Negativen nicht vergessen. Gewiß gibt es eine Kontinuität in der jüdischen Kultur, in den positiven Manifestationen und Erzeugnissen des jüdischen Geistes; aber eine solche gibt es auch in allen Schattenseiten dieser Kultur, in allem, was an ihr verfehlt und brüchig ist. Ist es denn nicht bezeichnend, daß mit sehr seltenen Ausnahmen die Nation in entscheidenden und kritischen Situationen an irgendwen von oben oder außen appellierte, und diesen Appell zu einem Grundpfeiler ihrer Hoffnungen ausbaute, daß der Ruf nach dem Emanzipator zu einer der wichtigsten Losungen des Volkes geworden ist, und daß der Fürsprecher in jeder möglichen Gestalt eine derartig gewaltige Bedeutung im Leben dieses Volkes erlangen und eine derart maßgebende Rolle spielen konnte? Kann es von ungefähr sein, daß wir in unseren historischen Zeiten auf politischem Gebiet eine so schlechte Figur machten, und daß wir in der Gegenwart es ebensowenig verstehen, politisch vorzugehen und aufzutreten, und liegt nicht darin einer der Grundzüge unseres nationalen Wesens — immer zu irgendwem aufzublicken, das nationale Schicksal in seine Hand zu legen, von ihm Imperative und Direktiven zu erwarten und gehorsam aufzunehmen, statt unsere Hoffnungen und Erwartungen in uns selber zu setzen, wie es eben jede politische Initiative von einiger Wirksamkeit erheischt? Der Glaube an den erlösenden Messias gehört gewiß zu den wertvollsten Inspirationen der jüdischen Psyche, allein der Aberglaube an den Helfer von außen her ist für uns immer irreführend und verderblich gewesen. Gewiß: hätten wir nicht unter dem hypnotischen Einflüsse von autoritären Machtsprüchen, Bedingungen und Verpflichtungen gelebt, wir hätten unser nationales Dasein kaum erhalten können. Das steht fest. Wir hätten aber auch nicht die namenlose Schmach erebt, tief entehrende Bedingungen seitens unserer Umwelt willig über uns er-

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