Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Gedanken über die Emanzipation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 30 (sequence 3)
- Language
- German
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30 Rafael Seligmann: seine emanzipatorische Wohltat, und was bei weitem bezeichnender ist, die Nation gibt sich willig der Hypnose dieser Wohltat hin und läßt alle noch so ungerechten Anklagen und Beschuldigungen seitens ihres Gottes geduldig über sich ergehen. Dieser Zug haftet dem Volke bis auf den heutigen Tag an. Wie verschieden auch die waltenden Mächte in den nationalen Geschicken des jüdischen Volkes beschaffen waren —ob Gott, ob Fürst und König, ob Parlament und „Menschheit"—immer waren es heteronome, nicht autonome Potenzen, von denen die geschichtliche Entwicklung der Nation gelenkt und bestimmt wurde. Immer hieß es dankbar sein, Verpflichtungen nachkommen und von außen her auferlegte Bedingungen erfüllen. Die Bedingung, unter der ehemals Jahve das israelitische Volk emanzipierte, bestand in der nationalen Anspannung und kulturellen Geschlossenheit; die Bedingung, unter der in der späteren Folge die „Menschheit" die Nation der Juden emanzipierte, bestand im Gegenteil in der nationalen Entspannung und der kulturellen Vermischung. Aber in dem einen wie in dem anderen Falle hielt sich das Volk für verpflichtet diesen Bedingungen zu genügen, denn es lebte unter der Hypnose der Gabe, die schließlich zu einer Gegengabe in irgend welcher Form anhält. Ersteres hinderte die Nation daran, ihre Kräfte auszuweiten und zu expandieren, letzteres daran, ihre Kräfte zu sammeln und zu konzentrieren: entgegengesetzte Voraussetzungen und Resultate, aber gleiche Grundtendenzen der nationalen Psyche. Wer in alledem bloß eine zufällige Analogie erblicken wollte, der würde wahrlich die tieferen Zusammenhänge der jüdischen Geschichtsentwicklung verkennen, Zusammenhänge, die doch gewiß nicht abseits von der Geistesrichtung der Nation liegen können, sondern auf eine gewisse uns freilich vorderhand unbekannte Weise auch in der Struktur des nationalen Charakters irgendwie verankert sein müssen. Es wäre sonst eine der wunderlichsten und seltsamsten Unbegreiflichkeiten, wenn ein Volk von dieser beispiellosen Zähigkeit im Behaupten seines nationalen Bestandes, dieser wilden Energie im Abwehren äußerer Anfechtungen und diesem so gesteigerten nationalen Selbstgefühl, wie das jüdische bis vor noch verhältnismäßig kurzer Zeit (nach historischen Maßstäben gemessen) während der jahrtausendelangen Dauer seines Verweilens in der Diaspora sicherlich eines war, fast sofort nach dem Abstreifen der äußeren Fesseln seinen nationalen Halt zu verlieren . . . nein, nicht zu verlieren, sondern aus freien Stücken aufzugeben begann — und noch mehr, eine, möchte man sagen, fanatische Hingabe an den Prozeß der völkischen Entpersönlichung zutage fördert; es wäre dies sonst ein Hohn auf alle Gesetze der historischen Kontinuität, wenn nicht . . . ja wenn nicht die Hingabe an ein von oben oder außen her kommendes Veto in der Seele des Volkes von Beginn an gezüchtet wäre, wenn dieses Volk nicht unter dem Bann der Heteronomie seit Jahrtausenden gelebt hätte. Ich weiß, daß viele Völkerschaften im Laufe der Zeit sich unvermerkt mit anderen vermischten und ihrer nationalen Physiognomie auf diese Weise verlustig gingen und gehen. Es war und ist dies ein ganz natürlicher Prozeß, der nicht weiter verwunderlich ist. Wer aber hat mit solchem Eifer dem Abgotte der Entpersönlichung gehuldigt wie der Jude, dieser gestern noch so vollständig in sich abgeschlossene und selbstbewußte Typus? Gewiß — der Zahn der Zeit nagt schonungslos an allen Gütern, materiellen wie geistigen, aber der Zahn der Zeit hat hier einen dankbaren Stoff gefunden: die jüdische Seele war schon längst zermürbt durch die Vorherrschaft des Heteronomen und den Druck der Maß-