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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Gedanken über die Emanzipation
Date
1917-01-01
Page
32 (sequence 5)
Language
German
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32 Siegfried Bernfeld: gehen zu lassen. Hätten wir nicht in unseren historischen Zeiten unter dem Einflüsse unserer geistigen Autoritäten den Verzicht auf unser politisches Dasein geleistet, so wären wir längst aus der Liste der Lebenden gestrichen. Aber wir wären gleichfalls nicht dazu gekommen, unserer Nationalität leichten Herzens den Rücken zu kehren. Wir stehen in unserer Geschichte unter dem Zeichen der Emanzipation, und in unserer jüngsten Gegenwart sieht es in dieser Hinsicht nicht viel besser aus als in jenen guten alten Zeiten, in denen wir nach Fürsprechern und Verteidigern Umschau hielten, wo immer es galt, die nationale Ehre zu wahren. Der alte Adam sitzt noch fest in unseren Knochen, in den Knochen der sogenannten Modernen, der Gewitzigten und Erfahrenen, die sich von den älteren Methoden gänzlich befreit zu haben glauben. Wir blicken noch immer auf — wenn nicht zu Göttern, Fürsten und Parlamenten, so doch zu Kongressen und Konferenzen, von wo aus wir unser nationales Heil erwarten. Die Wirklichkeit wird uns bittere Enttäuschungen bereiten, wie sie sie uns bisher bereitete. Uns tut noch die eine Emanzipation not — die von dem Emanzipationsgedanken, der in unserer Psyche so feste Wurzel gefaßt hat. Berlin Rafael Seligmann DIE ASSIMILATION UM DER MENSCHHEIT ie Assimilation ist keine spezifische Tatsache der jüdischen Gegen- X-^wart und Vergangenheit. Seit isolierte menschliche Horden in irgendeine Art des Verkehrs zueinander traten, steht die Assimilation von menschlichen Gruppen aneinander in keinem Moment, an keinem Berührungspunkt still, ist immer an einer oder mehreren Stellen ein massenhaftes, beschleunigtes Ineinanderfluten im Gange. Blut der Gruppen mengt sich, Güter werden von der erzeugenden Gruppe an andere abgegeben, in ihnen irgendwie irgendwas bestimmend; Geist einer Gruppe dringt in die fremden; Taten werden bekannt und werden plastisch, wirksam außer der Gruppe des Täters. Und wenn die Menschheit überhaupt geleistet hat, was des Stolzes wert wäre, so ist es dadurch oder ungemindert trotzdem entstanden. Kulturen und Völker verschwinden, entstehen und verschwinden wieder. Wir haben keinerlei Möglichkeit, uns diese Tatsache der Angleichung und Aneignung des Fremden und dem Fremden aus der Geschichte herauszudenken und noch weniger aus der Zukunft wegzuwünschen. Aber die Assimilation ist ein spezifisches Problem der jüdischen Gegenwart und Zukunft. Spezifisch, nicht als bestünde es nur für die Judenheit, aber weil es in ihr seine zahlenmäßig größte Ausdehnung, seine kulturell höchste Bedeutung und seine individuell tiefste Tragik besitzt, und weil die jüdische Assimilation eine ganz eigenartige Note enthält, die sie auch zum Problem der Gegenwart und Zukunft der assimilierenden Nationen macht. Wenn ein Volk sich einem anderen nicht assimilieren will, äußerer Zwang es aber zur WILLEN

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