Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Gedanken über die Emanzipation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 29 (sequence 2)
- Language
- German
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Gedanken über die Emanzipation 29 nationale Befreiung ein Geschenk sei, für das man Dankbarkeit zollen müsse, und das zu Gegenleistungen verpflichte. Wurden auch diese Gegenleistungen in einem rein moralischen Sinne verstanden, so waren sie doch nicht minder als von außen her auferlegte Verpflichtungen und Bindungen gefühlt und vorgestellt. Und dieser Gedankengang verwob sich so sehr mit der ganzen Struktur der jüdischen Psyche, daß er mit der Zeit zu einem integrierenden Bestandteil der letzteren geworden ist und der Geschichte des Volkes einen nach dem Außenstehenden hin tendierenden Aspekt verlieh. Diese Zuspitzung auf das Außenbefindliche verrät sich in allen Phasen der weiteren Geschichtsentwicklung der jüdischen Nation: man wird nachgerade daran gewöhnt und von den großen Repräsentanten der jüdischen Kultur dazu angehalten, den Quellpunkt nationaler Energie nicht in sich selber, in seinen eigenen Impulsen und Antrieben, sondern in irgend einem anderen, jedenfalls außenbefindlichen Agens zu suchen, und man verliert allmählich den Sinn für jede weitgehende politische Aktion, für jede größer angelegte nationale | Unternehmung. Die intensive Konzentrierung auf ein jenseits der praktisch- ' politischen Sphäre liegendes Ziel der Betätigung mußte notgedrungen den Sinn der Nation von seinem natürlichen Wege ablenken und seinen weltlichen Aspirationen Fesseln anlegen. Die unausgesetzt wach gehaltene Besinnung auf den nationalen Eigenwert mußte mit der Zeit zu einem Hemmschuh für jede kulturelle Ausweitung und Bereicherung, zu einer Schranke für die geistige Amplitüde werden, denn sie grenzte den Gesichtskreis der Nation gegen die Anregungen von außen ab und trug daher bei einer ungeheuren Verschärfung der seelischen und geistigen Empfänglichkeit zu einer gewissen Versimpelung des Intellekts bei. Die Forderung, eine Nation par excellence zu sein, von einer möglichst scharf ausgeprägten nationalen Physiognomie und einer auf die Spitze getriebenen nationalen Eigenart, mußte der Erweiterung der nationalen Sphäre einen Damm entgegensetzen, da die nationale Expansivität unter diesen Umständen notwendig als eine Gefahr für die nationale Konzentrierung erscheinen mußte. Die Verkünder dieser Forderung, die Propheten, lagen daher mit den jüdischen Königen in beständiger Fehde, da die Könige ihrer Stellung gemäß und einer natürlichen Neigung folgend politische Ambitionen hegten und, wie es in der Natur aller Herrschenden einmal begründet ist, ihre Einflußsphäre auszudehnen strebten. Ähnliches sehen wir bei den spätem Chassidäern und Peruschim, die gegen die Dynastien des zweiten Tempels mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln anzukämpfen begannen, sobald diese Dynastien Anstalten machten, eine etwas großzügigere Politik zu treiben. Als Gabe empfing die Nation ihre ursprüngliche Befreiung, als solche wollte sie diese durchaus betrachtet wissen, als Gabe empfing sie fernerhin alle weiteren Erlösungen von ihren Nöten, und als solche wollte sie durchaus diese Erlösungen angesehen wissen. Ein Gott befreite sie von der ägyptischen Knechtschaft, ein König von der babylonischen, und ein Parlament von der nachexilischen. Immer war es irgend eine außenstehende Instanz, an die die Nation in ihrer Bedrängnis appellierte, und nur selten, äußerst selten sehen wir sie ihr Schicksal eigenmächtig gestalten, wie es eben in der Natur jedes lebenskräftigen und auf sich vertrauenden Volkes liegen soll. Gewiß haben die Juden in grauer Vorzeit das Land Kanaan unter der Ägide ihres Schutzgottes mit dem Schwerte erobert, aber anders, als es bei allen anderen Völkern dieser Vorzeit der Fall war, trat dieser Schutzgott nach getaner Arbeit nicht beiseite, sondern pocht immerfort auf