Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Jude und Europäer
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 27 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jude und Europäer 27 und eingehendsten Gegnern dieses tragisch unduldsamen Kopfes nicht gelingt, ihm Zweifel an der magistralen Gewalt seiner an sich widerspruchsvollen und erledigten Lehren beizubringen, und er wird nicht hoffen, diesem einst so großen Schulhaupt irgend eine Einsicht abzuringen. Lassen wir ihn, und freuen wir uns des ruhig eindringenden Blickes, mit dem Boehm das Phänomen des Assimilanten umfaßt, . des alten und des neuen, tragischen, den es schon gibt und vor dem Kriege schon gab: eines Selbstopferers, der sich seiner Tragik oft nicht bewußt ist, aber den solche Tragik umwittert, um deretwillen wir ihn achten: Werte des Bluts und der Überlieferung, Werte der Gemeinschaft und einer uralten Geschichte, Werte des Adels und der ältesten Schöpferkraft aufzugeben um einer neuen, jungen, höher geliebten und lebendiger gefühlten Gemeinschaft willen — und in diesem Akte des Vorziehens und Liebens sich selbst aufzuheben, keinen Anhang mehr zu haben als den des neuen abweisenden Volkes, um das er sich bemüht, — und seine Legitimation allein in den individuellen Werten zu finden, die nur die Nächsten bemerken können, und in einer Leistung, die ganz allein für sich wirken und werben muß. Die traurige Glorie Peter Schlemihls scheint um das Haupt dieses Bruders; der unser Bruder bleibt, auch wenn wir ihn bekämpfen müssen, um seines Beispiels willen, das er der Jugend schädlich gibt. Der Kampf ist nötig — aber die Form, in der er von vielen Zionisten in der vergangenen Epoche der Bewegung geführt worden ist, lehnen wir ab. Es ist töricht und unpolitisch und menschlich erniedrigend, den Charakter des Assimilanten als schäbig schlechthin zu verunglimpfen, besonders wenn dies Leute tun, die nur zufällig in den Zionismus hineingeraten sind, seine tieferen Notwendigkeiten keineswegs erfassen und durch lautes Schimpfen ihre Zugehörigkeit erweisen müssen, weil sie es anders nicht vermögen. Es bleibt Tatsache, daß in vielen persönlich und geistig hochwertigen Manschen dieser entwurzelnden, eben vergangenen Tage keinerlei Bindung an das Judentum mehr besteht, so daß sie ruhig ablehnen dürfen eine zu heucheln, ohne daß man sie darum schilt. Und tun sie durch die Taufe jenen letzten Schritt aus unserem Kreise, so soll sie darum keiner geringer achten; abgesehen davon, daß es auch für die Taufe schäbige Gründe gibt. Wehe aber jenen Assimilanten, die gleichwohl, um persönlicher Furcht oder persönlichen Vorteils willen mit ihren abtrünnigen fremden Händen in die Gechicke der Juden einzugreifen sich erfrechen, wie der Minister Samuel in England und ähnliche Charaktere in Deutschland und Österreich, in Rußland und Polen bei währendem Kriege gewagt haben! Wir werden sie ohne Gnade und ohne Unterlaß in all ihrer Schimpflichkeit anklagen und anprangern, sobald wir wieder frei reden dürfen. In einem freilich irrt Boehm: der neue Assimilant, den er so wohl sieht, ist nie durch die jüdische Erneuerung hindurchgegangen. Aus ihr gibt es kein Zurück; wen sie wahrhaft erfaßt hat, der gehört ihr auf immer. Sie ist der elektrische Strom, der die wirr gelagerten Moleküle des Stahls auf immer zur magnetischen Gerichtetheit ordnet. Aber sie kann „induzierend" auf jenen wirken, kann ihm das Verstehen, das Ahnen dieser Richtung vermitteln und ihn zugleich lehren, daß es nicht die seine sei. Vermutlich jedoch gebraucht Böhm hier dies Wort Erneuerung nicht in unserem inbrünstigen Sinne, sondern in einem vageren, schwächeren, moderneren. Wie dem auch sei — bis auf diesen einen Punkt bewährt sich hier seine erkennende Liebe; und er nehme dies als Wink: