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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Jude und Europäer
Date
1917-01-01
Page
28 (sequence 8)
Language
German
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28 Rafael Seligmann: wie er, der Europäer, hier den Europa wählenden Juden voll erschaut und im Gefühl erfaßt, wie seine Abwehr und seine Liebe hier zum reinen Verstehen kommen, könne er auch uns eines Tages mit solchen Augen sehen. Dies jugendliche Gefühl, von dem ich schrieb: sie können uns nicht verstehen — ich teile es nicht. Sie können sehr wohl. Wir sind kein fremderes Problem als der wahrhafte Assimilant; es bedarf nur eines geduldigeren, längeren, besser gerichteten Blickes, und der Ehrfurcht, die den Erkennenden erst wahrhaft vollendet. Martin Buber hat in seinen Büchern direkte Hilfen, er, Bin Gorion, Perez und einige jüngere Dichter indirekt Material dazu in Fülle gegeben. Kein nichtjüdischer Schriftsteller hat bisher die Probe seiner Eignung so gut, so dankenswert abgelegt wie Max Hildebert Boehm, der das Wort vom Zionismus als dem ,,neuerwachten jüdischen Gewissen" niedergeschrieben hat. 7- Wir sind es. Mit unserem erregten Herzen umfassen wir alles was jüdisch ist in gleicher Wachheit und ohne Lücke. Nichts ist so infam in dieser entarteten Judenheit, nichts so erniedrigt in diesem zertretenen Volke, daß wir es nicht als unsere Infamie, unsere Erniedrigung mit stockendem Blicke spürten; nichts so erhaben und nichts so königlich rein in diesem grandiosen Judentum, daß wir nicht erschauernd und hingerissen uns selbst in dieser Größe verschwinden fühlten. Wir führen nur unsere Sache, aber sie ist die Sache des Juden; wir blicken nicht auf vom Werke, aber wir fühlen die Augen Gottes auf unsern Händen und unsere Verantwortung möchte uns erdrücken. Die ganze wirre wilde jauchzende Fülle des Frühlings ist wiederum auf uns gegossen. Mitten im tiefsten Elend und in der Vernichtung, mit der der Krieg unserem Volke droht, einem Volke, das sich nicht wehrt, sehen wir das Neue mit den Augen der Seele und erleben die Gewalt der Tröstung: erleben in einem das ungemeine Leid und das ungemeine Glück, Jude zu sein. Im Felde Arnold Zweig GEDANKEN ÜBER DIE EMANZIPATION Im Zeichen der Emanzipation steht die ganze jüdische Geschichte seit ihren ersten Anfängen bis in unsere Zeit. Schon an der Wiege der jüdischen Geschichte stand der Erlöser, der dem Volke die Selbständigkeit als Gabe vom Himmel, als Geschenk bescherte, und dieser Emanzipationsakt prägte unserem ganzen geschichtlichen Dasein in der Folge einen unauslöschlichen Stempel auf. Nicht wir waren es, die wir uns aus eignen Mitteln und mit eigner Hilfe von der ägyptischen Knechtschaft befreiten, sondern eine außer und über uns befindliche ,,göttliche", jedenfalls höhere Macht, die die fremden Fesseln von uns abstreifte. Gewiß, der Gott, wie ihn das jüdische Volk auffaßte, ist kein geschichtliches Faktum. Aber charakteristisch für den Geist und die ganze Gesinnung des jüdischen Volkes ist es immerhin, daß es nicht nur von Anbeginn den Akt seiner nationalen Befreiung an eine außenstehende Macht knüpfte, sondern daß es auch in der Folge, während seines ganzen geschichtlichen Lebens, an diesem Gedanken mit außerordentlicher Zähigkeit festhielt — an dem Gedanken nämlich, daß seine

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