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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Jude und Europäer
Date
1917-01-01
Page
26 (sequence 6)
Language
German
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26 Arnold Zweig: Daß die Überwindung der Spannung zwischen der plötzlich so großartig erhellten und geweiteten deutschen Kultursphäre — Sanssouci, Wolfenbüttel, Königsberg, Weimar, das Leipzig Bachs, das Wien Mozarts und Beethovens, — und dem außen durch Schacher erniedrigten, innen heimlich-warmen und engen, dumpf gebundenen, rückwärts und vorwärts sehnend-ohnmächtigen Judenghetto in jähem Tempo geschehen mußte, als Europa von der Aufklärung literarisch-entbrannter Temparamente und menschlich-verständiger Monarchen überfallen wurde? Daß die Unbedingtheit ihrer Hingabe Juden zur Selbstverbrennung als Juden führte, weil die Individuen zweier Generationen das hohe Gut, die Flamme geistiger Befreiung, ohne die „gebotene Zurückhaltung" umarmten? Freiheit von verächtlich machender Sonderstellung, von einer verengten, erstarrten, im Mittelalter verharrenden Luft des Geistes? Daß sie dafür ein Volkstum aufgeben mußten, dessen Werte sie, geblendet von der Sonne der Humanität, nicht mehr sahen? Man lerne endlich Emanzipation von Assimilation scheiden — und wenn dem Deutschen diese fremden Worte kein klares Anschauen vermitteln, so rede er von Befreiung und Angleichung, und manchmal sage er Angleicherei. Jene Ideale, teilhaft zu sein alles Großen, das die Menschen dieser Zeit und Erde schufen, die innige Anschauung all der Werte, die mit übernationaler Geltung aus den Nationen sprießen, sind unveraltbar, und man kann sie, hat man sie erst recht geschaut, nicht mehr aufgeben. So sind denn auch die Enkel an den Idealen, den wahren, jener Männer der Befreiung nicht irre geworden. Sie sind nicht aufgegeben worden, sondern erfüllt sind sie, erfüllt in der einzig geltenden Sphäre des Geistes. Der Jude ist heute in die Kontinuität des deutschen Geistes so tief eingetaucht und so durchtränkt von ihr, daß er Schöpfer wird. Er braucht nicht mehr um etwas zu kämpfen, was er besitzt. In einem ungleich reicheren Sinne als zur Zeit Heines hat das Judentum der deutschen Kunst und Philosophie — um von nichts Geringerem zu reden — echtbürtige Vertreter gegeben. Wassermann und Werfel, Liebermann, der herrliche Gustav Mahler, Husserl und der einstige, der Marburger Cohen, von Simmel zu schweigen: sie und manche andern weisen dem Deutschen auf dem Wege aus seiner Vergangenheit in seine Zukunft legitime Ruhepunkte. So weit geht die Durchdringung, daß dem religiösen Werke Bachs niemand großartiger gerecht wird als Siegfried Ochs, und, um die äußerste Grenze nicht zu verschweigen, wo Tragik und Komik ineinanderrinnen, daß sich die Unzulänglichkeit des Lyrikers Lissauer, dessen jüdische Struktur A.Schwadron in einem Hefte dieser Zeitschrift schlagend aufgedeckt hat, an den spezifisch deutschen Inhalten ,,1813", „Bach" aufrichtig entzündet hat, und in dürftiger Flamme brennt — aber brennt, indes die Deutschen kaltbleiben; jenes Lissauer, dem die Sendung ward, dem deutschen Volke des 4. August 1914 ein fragwürdiges, allgemein bejahtes Denkmal zu setzen. Hier aber beginnt bereits die Frage des Assimilanten, der Angleicherei. 6. In ihr ist Boehm zuständig und seine Aussagen gültig ohne Abstrich; es ist fast beglückend zu lesen, wie klar er dies in sich schwierige, von den jüdischen Rätseln allerdings zugänglichste Problem schaut und ausdrückt. Ja! sagt man, und: endlich einmal! und: schön und gut! Wie überlegen sein Blick dem des alles Wesentliche übersehenden, um jeden Preis „liberalen" Hermann Cohen ist, weiß er selbst; aus Bubers Schrift wird er sehen, daß es auch geduldigsten

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