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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Jude und Europäer
Date
1917-01-01
Page
25 (sequence 5)
Language
German
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Jude und Europäer 25 4- Ich mag Boehm die Lektüre der schon genannten Buberschen Schrift nicht ersparen, indem ich hier ausziehe und erläutere, wie der wahre nationale Genius des Judentums gehalten ist, wie die „völkerverbindende Mission" des Judentums beschaffen ist und wie das Wort vom Beerben Europas entstanden sein kann — mißdeutet er's doch machtpolitisch, wie das Anführen des Panslawismus beweist, den er ja auch nur politisch und national nimmt, wenn er lächelnd sagt: „Wir deutschen Europäer sind jedenfalls auf dem besten Wege ihm zu zeigen, wie sehr wir lebend sind." Denn den religiösen Idealen des Panslawismus (des Solowjeff etwa) wird Boehm wohl kaum die „Schützengrabenreligion", von der wir draußen genügend wissen, und die neue deutsche oder englische Kirchlichkeit entgegenstellen wollen. Die jüdische Bewegung politisch und national sehen, sie nach Analogie anderer „nationaler Bewegungen" begreifen, muß zu den Mißdeutungen führen, denen Boehm an manchen Stellen seiner Schrift erliegt. Sie ist nicht konservativ, sie scheint nicht einmal so, sie ist auch nicht revolutionär. Sie will nicht das Wesen erhalten, indem sie die Form der Neuerung ergreift — solche Unterscheidungen gelten nicht für eine Bewegung, die der ewigen Forderung Gottes an den Menschen in der Gestalt eines wesentlichen reinen vergeistigten jüdischen Lebens auf dem vorbestimmten, allein dazu verhelfenden jüdischen Boden nachzufolgen sucht. Sie will das Wesen erneuen. Wir wollen uns aus der Verbannung retten, unser Volk, unsere Gemeinschaft, um der jüdischen Seele willen; um ihr, der verschütteten, entstellten, zum Wiedererscheinen zu verhelfen, die nie in der Vereinzelung des versplitterten Individuums, die nur an der vollen jüdischen Gemeinschaft offenkundig zu werden vermag. Daß dazu der Umweg über viele rein politische, rein ökonomische Maßnahmen notwendig ist, liegt im wesensgesetzlichen Zusammenhang. t 5- Der Zionismus ist keine rein politische Angelegenheit. Er ist politisch, insofern sich eine Reihe von Vorgängen im Verkehr zwischen dem von ihm vertretenen Teil der Judenheit und anderen Völkern abspielt, politisch auch im Sinne innerer Politik, wenn er sich mit Strömungen (oder Stagnationen) innerhalb der gesamten Judenheit auseinanderrechet. Aber diese Akte alle sind vorbereitend und fundierend zu sehen für die große Umwandlung, die in der übernationalen, der geistigen, der Seelensphäre sich vollziehen soll und zu vollziehen beginnt. Es liegt im Wesen des Jüdischen, daß es sich nie in politischen — und wirtschaftspolitischen — Blickrichtungen einfangen läßt (hat das das fremde Volkstum dumpf gespürt, als es den kapitalistischen Auswirkungen eines internationalen Judenkreises diese unerhörte ethische Wertung und Bemakelung zu teil werden Heß, die neu war in der Beziehung von Öffentlichkeit und Kapital?) Und daß diese Verallgemeinerung zutrifft, nicht allein für unser neues Judentum, lehrt ein einziger Blick auf das Mißverständnis, das in dem Satze steckt, in dem Boehm die Emanzipation streift. Kam es der Zeit, die um Emanzipation kämpfte, auf „Machtzuwachs" an? Setzt dies Wort nicht die Annahme der pöbelantisemitischen Phrase von der Machtgier des Judentums voraus? Als ob es den führenden Männern, den Mendelssohn, Börne, Rießer, Jacoby auf etwas anderes als auf den Geist angekommen wäre? Begreift selbst ein Mensch, dessen Stil die Gewohnheit zu denken voraussetzt, nicht, daß sie nötig war, diese verachtete Emanzipation?

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