Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Jude und Europäer
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 24 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Arnold Zweig: Cohen sagt, um deren Lektüre ich Boehm bitte (Völker, Staaten undZion, Löwit 1917): „Wir aber, die wir unterwegs und unserer Richtung herzhaft bewußt sind, wir sehen die uns wesensverschiedene aber nicht wesensfremde, die vertraute Wirklichkeit und gestehen, daß wir sie lieben: die Sprache, die uns zum Denken, die Landschaft, die uns zum Schauen erzog, die schaffende Tiefe eines großen Volkstums, der wir für beglückendes Geschenk zu danken haben. Wir hängen uns nicht bei den andern ein, aber wir grüßen sie, wie nur die grüßen können, die nach dem Ziele wandern: Freunde, wir sind unterwegs, um unsertwillen, um euretwillen — um des Heils willen." Diese Scheidung ist eine Angelegenheit lebendiger Seelen, und ihre eigene, höchst persönliche, unter voller Verantwortung vollzogene Aufgabe. Innere Stimmen werden gehört und gewogen, Trennungen bereiten sich vor, das tiefe Leid des Abschieds wird gekostet — wissen sie doch, die da wählen, tiefer um den Wert des Aufzugebenden als die meisten, denen diese Wahl von Geburt an erspart bleibt — schmerzliche Opfer bringen sich auf den Altären von Ideen und Forderungen dar, eine schamhafte und keusche und ganz reine Zeit der Seele vollzieht sich — und hier sollte jemand dreinreden dürfen, der ganz von außen, mit der Kühle einer theoretischen und dem Ungenügenden einer zu jungen, zu flüchtigen Erkenntnis uns vorschreiben will, wie wir uns entscheiden sollen, welche Aufgaben uns erwachsen, wie wir uns mit unserem Sein in den Provinzen des deutschen Lebens zu fühlen haben? Die Frage nach dem Sein der Juden, jenem ein politischer und theoretischer Exkurs, uns ist sie unsere Frage an uns, die nach dem Sein des Juden in der Welt, in der er erwuchs, unsere Frage an den Augenblick; beides Angelegenheiten so intimer und wendender Art, daß jede Einrede, von Boehm nicht ohne die Haltung des überlegenen Volkstums vorgebracht, mit der die Unschuldigen — des wahren Wissens Unschuldigen — jüdische Angelegenheiten behandeln, nicht anders als störend, unerbeten, verletzend wirken kann. Man habe, wenn man die Probleme recht sieht, die hier gelebt werden, Achtung vor den Vorgängen und erweise sie. Man schreibe uns nicht vor, was unser Sollen zu sein habe, wie wir uns auf die Entscheidung einzustellen hätten, von welchem Standpunkt wir unsere Aufgabe anzugreifen hätten und welche Worte wir — weil die Deutschen sie mißverstehen — vermeiden möchten: haben doch unser Sollen und alle unsere Haltungen nur dann Wert, wenn sie spontan aus uns quellen als Ergebnisse unserer Wahl. Dem deutschen Hochmut werden wir, wenn nötig, unseren vollwertigen ebenso harten jüdischen Hochmut entgegensetzen. Denn, ganz recht: wenn wir auch den jungen nationalen Deutschen Boehmscher Prägung innerlich näher stehen als anderen Bewegungen, den Kampf wollen auch wir nur läutern und vertiefen, nicht aber aus der Welt schaffen; und auch wir haben unsere Antipathien. Keinem nationalen Juden von Geschmack fällt es ein, Aufsätze zu publizieren und theoretisch zu bereden, wie etwa die besten Teile des deutschen Volkes in diesen Monaten der Entscheidung ihre Hoffnungen im Herzen zu hegen, ihre Erwartungen der Zukunft gegenüber sich selbst bewußt zu machen, ihre Verantwortung des Geschehenen zu tragen und ihren Dank den Toten und den Invaliden abzutragen hätten. Nicht die Erörterung lehnen wir ab, sie ist uns willkommen. Aber der Ton des Vorschreibens, nicht wahr, er könnte fallen. Er ist ein Rückstand von Bräuchen, davon der Bruch mehr ehrt als die Befolgung, und die einem Geiste wie Boehm schlecht zu Gesichte stehn.