Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Jude und Europäer
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jude und Europäer 23 könne, wobei er mit einem Kenner Ostasiens wie dem Amerikaner Percival Lowell übereinstimmt. Die Wahrheit dieses Satzes einmal hingenommen: hierin stimmen die Gegebenheiten überein, daß der Deutsche vom inneren Wesen des wahren Juden, des echten alten wie des neuen, eine ebenso unzureichende Vorstellung hat wie der Chinese vom Europäer. Alle intimeren und höheren Wesenheiten, besonders die religiösen: Gott, Seele, Unsterblichkeit, Gerechtigkeit, Gesetz, Gebet, Umkehr (Buße), und alles was auf ihnen in der Sphäre des Lebens sich aufbaut, obwohl mit denselben Worten bezeichnet, stellen dem Juden sich in ganz anderem Aufbau, in anderer Intensität, Beleuchtung, ja in anderen seelischen Schichten und mit anderen und heftigeren Gefühlsgraden verbunden dar als dem Europäer. Es ist mir, der ich seit zwei Jahren jede geistige Betätigung und Schulung entbehre, heute und hier unmöglich, anschaulich zu machen, was ich zu sehen glaube; es wird im Frieden die erste meiner Arbeiten sein, diese Unterschiede nachzuziehen. Fest steht jedenfalls, daß der Jude sich an den Kopf faßt, wenn ein Mann wie Scheler, von Sombart und dergleichen Wissenschaftlern zu schweigen, über jüdisches Gesetz und das Verhältnis des Juden zu Gott zu schreiben beginnt — was auch daher kommt, daß die religiösen Hauptdokumente des Judentums, so offen sie heute schon liegen, von den dazu Berufenen unter den Nichtjuden, den Philosophen, nicht gelesen werden. Man hat das nicht nötig, vermag man doch auf die wirtschaftlichen Haltungen eines winzigen und entfremdeten Teils der Judenheit schönste und passendste, nämlich die Vor-Urteile wissenschaftlich belegende, Intuitionen zu gründen. Und wer schickte sich, nach M. H. Boehm, „ausgerüstet mit den äußerlich imponierenden, innerlich freilich unendlich fragwürdigen Machtmitteln der kapitalistischen Jetztzeit, zur Herrschaft in den Weiten der Welt an"? Niemand anders als ,,der nationale Genius des Judentums"; der nationale, des Judentums . . . Angesichts solcher Worte, nach all den zum Teil herrlichen offenbarenden Büchern (Buber, bin Gorion) und Schriften der letzten Jahre, hat man Lust, die Unterredung zu unterlassen. 3. Sie verstehen uns nicht; obwohl wir mit ihnen leben, solange sie selbst dies Land als kultiviertes besiedeln. Wohin immer der Jude gehöre: Europäer ist er nicht, das ist damit in einem sehr tiefen Sinne festgestellt. Sollte er kein Orientale sein, so wird sich das in späteren Jahrhunderten herausstellen, wenn zwischen ihm und den Bewohnern des nahen Orients ähnliche Klüfte sich auftun. Uns genügen die Sehnsüchte und Merkmale, die uns nach dem Orient verweisen, noch dringender aber auf unser Judentum selbst verweisen, dem wir seine Stätte bereiten wollen, auf daß es sein Wesen hemmungslos enthülle. Bis dahin wird Zeit vergehen. Wir stehen vor der kühnsten Wendung, die je ein Volk gewagt hat: bar jeder äußeren Macht, politischer wie wirtschaftlicher, ganz aus der Seele nur ein Volk zu sich zurückzubringen. Gefährlicher, zarter, schwieriger ist noch keine Aufgabe gestellt worden allen, die sich ihr hingeben; und zu der Verantwortung für das Volk trifft jene Vorhut noch die ganze Schwere der Entschließungen, die ihre innere Trennung von der europäischen Umwelt vorbereiten, die Entscheidung, die vor ihnen steht, die Bindungen, die zerrissen werden müssen, zu sondern von denen, die sie bestehen lassen dürfen. Denn hier gilt doch, was Buber auf der letzten Seite seiner tief belehrenden Auseinandersetzungen mit Hermann