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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Jude und Europäer
Date
1917-01-01
Page
22 (sequence 2)
Language
German
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22 Arnold Zweig: welchem der Jude keine Ehre hat. . . Diese Optik, sehr sublimiert freilich und schwer erkennbar, zu übernehmen, zu verachten also, bevor man hingesehen hat, und dann nur Dinge zu sehen, die irgendwie auf Verächtlichem gründen, ist die Verschuldung des neuen deutschen Geistes, die er heute noch trägt und die sich heute nocli an ihm rächt; die schon Schopenhauer trug, der hier wie in der Frage der Frauen nur eine zeitlich bedingte Schale anzusehen vermochte; und von der erst Nietzsches hellsehende Intuition, wenn auch gelegentlich ins Gegenteil umschlagend, die Deutschen zu befreien anfing. Wir nun sehen recht wohl, wie in der heutigen deutschen Jugend der Wille zum redlichen Erkennen mit jener vergifteten Perspektive ringt und sich paart; aber einerlei: wir empfinden dankbar, daß wir mit manchem der jungen Deutschen uns, wenn nicht verständigen, so doch unterreden können über das, worin wir zu Hause sind — über das Problem des Juden in Deutschland, in Europa. 2. Nicht verständigen. Auf der Seite junger hoffender Zionisten griff vor einigen Jahren, als die Fehde des liberalen Judentums gegen uns am heftigsten ausgetragen wurde, jene Erkenntnis um sich wie eine Krankheit der schwersten Enttäuschung: auch die Deutschen verstehen uns nicht. Sie werden, sie können uns niemals verstehen, war die Formel, die jene Enttäuschten der plötzlichen Erkenntnis gaben; ich erinnere mich, sie, in aller bitteren Übertreibung der Jugend, von Heinrich Margulies gehört oder gelesen zu haben. Diese jäh Erwachten unterschieden nicht, ob nicht vielleicht das Unvermögen einer noch ganz ungerichteten deutschen Generation von ihnen für das ewige Unvermögen des Europäers gehalten wurde — „sie", das waren jene jungen Deutschen, an deren Verständnis ihnen lag . . . Die Deutschen standen hier als Exponenten Europas; denn wenn auch in den Ländern der westlichen Zivilisationen die praktische Lage der Juden besser aussah — sie schloß nicht aus, sondern ein, daß das spezifisch Jüdische völlig übersehen wurde. In Deutschland war nach ehrenvoller Überlieferung noch am ehesten Verständnis für fremdes Volkstum zu erwarten :— mit welchem Gefühl der Vereinsamung sahen diejenigen jetzt einander ins Gesicht, denen am Verstandenwerden so viel gelegen war, weil ihnen so viel am Geachtetwerden lag . . . Wer aber, der, über solche Wünsche und Enttäuschungen hinaus, mit unbefangenem Blick die Ereignisse und Zustände mustert, Verachtung und Achtung der anderen ins Zentrum seiner Person nicht dringen ließ, weil er sie auf Mißverständnis basieren sah, erkennt nicht den wahren Sachverhalt? Max Hildebert Boehm, mit dessen letzter Veröffentlichung „Geistiger Zionismus und jüdische Assimilation" (Preußische Jahrbücher, Februarheft, S. 319 ff.) ich mich hier auseinandersetze, hat gelegentlich eines Aufsatzes in der „Hilfe" dem alten Ku Hung-Ming vorgehalten und am Exempel der Madonna und der Musen klargestellt, daß er von der Grundhaltung des Europäers zu den wesentlichen Werten keinerlei Vorstellung habe. An derselben Stelle nun, durch ein einziges Wort, bezeigt Boehm einen ebenso falschen Blick für uns, indem er vom „chinesisch-semitischen Frauenideal" spricht, nämlich dem der besenführenden Magd. (Ich zitiere aus dem Gedächtnis und weiß nicht genau, ob diese Zusammenstellung dem Chinesen oder dem Deutschen gehört; im erstem Fall hätte Boehm den zweiten Bestandteil des Wortes nicht übernehmen dürfen.) Und ein größerer Deutscher, Scheler, behauptet irgendwo geradezu, daß der Europäer nur den Europäer, nie aber den Orientalen verstehen

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