Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Krisis des polnischen Judentums
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 20 (sequence 5)
- Language
- German
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20 Apolinar Hartglas: Die Krisis des polnischen Judentums schreitet und den Staatsbegriff umfaßt; wenn das Volk endlich erkennt, daß es für den polnischen Staat, und damit auch für die polnische Nation bequemer ist, einen zufriedenen, wirtschaftlichen Wohlstands sich erfreuenden, das Land und seine Ordnungen liebenden Juden zu haben, als eine hungrige, finstere, dem Staat übelgesinnte rechtlose jüdische Masse; wenn der Pole erkennt, daß es für das Land und für ihn im letzten Grunde gleichgültig ist, ob es der Nationalität nach ein Pole oder ein Jude ist, dem ein Geschäftsgewinn zufiel, wenn nur das Geld im Lande bleibt und produktiv verwendet wird, ja daß es für das Land und die herrschende Nation weit wichtiger ist, daß das Geld ein polnischer Jude verdiene und an das Land weitergebe, als daß es ein polnischer Magnat verdiene und in den Pariser Vergnügungsanstalten anlege: — dann wird man aufhören im Juden den „inneren Feind" und in der Verteidigung der elementarsten jüdischen Volksrechte einen Landesverrat zu sehen. Freilich, ohne Kampf wird es auch hier nicht abgehen. Auch hier wird es schwere Augenblicke, Vorwürfe, Erregungen geben — aber mit der Zeit werden sich die Verhältnisse ausgleichen, auf jeden Fall besser, als sie es je in dem unterjochten Polen vermocht hätten. An diesem Punkte erwartet uns ein Einwand: in einem freien Polen werde die Judenheit stets eine Minorität ohne Bundesgenossen sein, die der antisemitischen Gesinnung der Gesellschaft wehrlos ausgeliefert wäre; in der Landesvertretung werde die Stimme der Juden immer übertäubt, der Jude immer niedergestimmt werden. Der Einwand ist irrig. Wenn wir auch von dem Glauben an eine absolute Gerechtigkeit absehen wollen, der sich doch wohl in einem befreiten Polentum kundzugeben beginnen muß, so dürfen wir nicht vergessen, daß der bedrückte Jude in Polen allezeit einen Bundesgenossen finden wird: in den Vertretern der Arbeiterklasse. Wohl unterstützt gegenwärtig sogar das polnische Proletariat die gerechten Forderungen der Juden nicht, sogar das Proletariat ist dem Judentum feindlich gesinnt: es muß sich mit den anderen Teilen der polnischen Gesellschaft im Kampf gegen die wirklichen und die vermeintlichen Feinde der Nation solidarisieren, muß alles abwehren, wovon eine Schwächung des Polentums befürchtet wird. Wenn dieses aber auf sicherm Staatsgrunde stehen und keine Gefahr mehr es bedrohen wird, dann werden die Rücksichten schwinden, die den Klassenkampf in Polen eindämmen, das kampfbereite Proletariat wird nach bündnisfähigen Kampfgefährten suchen und ein solcher im Sinne eines technischen Blocks wird die ihre Rechte verfechtende jüdische Minderheit sein. Übrigens werden im unabhängigen Polen nicht die Juden allein ihre nationalen Rechte zu verteidigen, unter Umständen auch zu schützen haben. Das gleiche werden hier die Deutschen, die Ruthenen, die Litauer und vielleicht auch die Weißrussen tun, denn das Streben einer herrschenden Nation, die kleineren nationalen Gruppen zu absorbieren, ist eine natürliche Erscheinung; und einen gewissen status quo zu erhalten, ein gewisses Minimum nationaler Rechte abzugrenzen, können schwächere Gruppen nur mit Hilfe eines steten parlamentarischen Kampfes und täglicher beharrlicher Arbeit Dieser Kampf wird in einer gemeinsamen Front vor sich gehen müssen, er wird eine Interessengemeinschaft der Minoritätsgruppen schaffen, die jedoch weder die staatliche Macht Polens schwächen darf, noch die nationale Macht des polnischen Volkes schwächen kann. Inzwischen dürfen wir jüdische Nationalisten und Zionisten, der Zukunft ver-