Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Krisis des polnischen Judentums
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 21 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig: Jude und Europäer 21 trauend, glaubend an die Stetigkeit der polnischen Überlieferung, an die Reinheit der polnischen Seelenrichtung, an die Unerschütterlichkeit der gemeinmenschlichen Ideale und an unsere eigene Kraft und Ausdauer in der Verteidigung unserer gerechten nationalen Ansprüche, getrost unsre Stimme in den Chor derer mischen, die da rufen: „Es lebe das freie und unabhängige Polen!" Siedice Apolinar Hartglas JUDE UND EUROPÄER Entgegnung an Max Hildebert Boehm z. Der geistige Deutsche, gern bereit, die fragwürdigen und tiefen Dunkelheiten des Deutschtums in Gemeinschaft mit sachlichen Franzosen oder Engländern zu erörtern, Romain Rolland oder Chesterton mit Aufmerksamkeit zuzuhören, wenn sie ihm ihr Bild der deutschen Seele vortragen, wird es sicherlich ablehnen, der pöbelhaften Dummheit ahnungsloser Verbohrter auch nur, in seiner Gegenwart, akustische Berechtigung zuzugestehen. Genau so verschließen wir jüngeren Juden uns der anmaßenden Einfältigkeit, die sich entfaltet, sowie Nichtjuden des Durchschnitts — und wie weit in die „Höhen" hinauf reicht in diesem Falle der Durchschnitt — über jüdische Dinge öffentlich meinen. Wir haben die Unzulänglichkeit unserer Gegner stets bedauert, um ihrer selbst willen (und um unsertwillen); denn der deutsche Geist, dem das jüdische Problem nun einmal, als eins der schwersten gewiß, aufgegeben ist, dank dem jüdisch-deutschen Zusammenwohnen und der stets stachelnden Empfindung, das Einwirken der Juden in seinen tiefsten religiösen, höchsten künstlerischen und mächtigsten wirtschaftlichen Sphären zu spüren, wurde und wird nur darum mit ihm nicht fertig, weil er den Gast und Mitbürger von vornherein nicht sachlich, sondern unter der verzerrenden Optik sah, die das Mittelalter allem Volksfremden, Andersartigen, Unheimlichen verlieh: der des Verächtlichen. Religiöser Haß vergangener Tage ist natürlich die Quelle, aus der dieses Gefühl fließt; die Form der äußersten Verachtung aber nahm er aus einem anderen Gegensatz: dem des Ritters zum Krämer. Die Überlegenheit des vitalen Wertes über den materiellen macht sich elementar geltend. Und da der Ritter die eminenten religiösen Werte nicht wahrnehmen kann, die der Jude innerhalb seiner Gemeinschaft lebt, wird er, Überlegenheit des geistigen Werts über den vitalen, von ihm als der Gewalttätige wiederum verachtet — was den Ritter maßlos reizen muß, so oft er es bemerkt. Und da der Ritter selbst in den vollkommensten Vertretern der anderen Rasse, in den vergeistigtesten und edelsten, außer dem andersartigen Körpertypus einen bis zur Unheimlichkeit fremden Seelentypus vorfand, der, je höher er sich ausbildete, um so inniger den Zug des Sich-nicht-wehren-wollens an sich trug, der alle Vergeltung in den Willen Gottes stellte — deutsche Denker sehen nur die ressentimentale Verzerrung dieser Haltung — so ergab sich für ihn jene Perspektive, die sich am gröbsten und blödesten noch heute in einem Teil der deutschen Raufjugend Österreichs darstellt: im Waidhofener Prinzip, nach