Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Krisis des polnischen Judentums
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 19 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Krisis des polnischen Judentums 19 nichten — aber das wird eine Wirkung nicht des nationalen Kampfes, sondern der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sein. Zu diesen Faktoren der inneren Wirtschaftspolitik werden noch andere mehr allgemein politischen Charakters hinzutreten. Vor allem wird im Angesicht der gesetzgeberischen Gleichberechtigung der Juden jene durch das zarische Rußland eingepflanzte Betrachtung des Juden als eines außerhalb des Rechts stehenden, vogelfreien Wesens nach und nach verschwinden. Sodann wird unter dem Einfluß der polnischen Staatlichkeit die nationale Überempfindlichkeit der Polen sich verlieren, die überall einen Anschlag gegen den nationalen Besitzstand witterte. Bisher waren die Polen stets ein mehr oder minder unterdrücktes Volkstum, sie mußten ihre nationalen Heiligtümer geradezu mit den Nägeln verteidigen, und naturgemäß erblickten sie in jedem anders Denkenden und Sprechenden einen hinterhältigen Feind. Die Russen wollen das polnische Land seines polnischen Charakters berauben, wollen es ossifizieren; die Polen wehren sich, müssen aber Schritt für Schritt zurückweichen; es tut not, die polnische Wesensart des Landes zu unterstreichen, polnische Institutionen zu schaffen, der Gesellschaft einen einheitlichen polnischen Zug zu geben. Da kommen nun die Juden daher und beginnen von ihren Rechten in diesem Land zu reden, die Rechte ihrer Sprache zu proklamieren, ihre eigenen Anstalten zu gründen — ist das nicht ein Anschlag gegen den polnischen Besitzstand? Zwei Nationalitäten im Lande — das heißt es seines unbedingt polnischen Charakters entkleiden; das heißt den Russen recht geben, die den Polen die Rolle der Hausherren absprechen; jede jüdische Institution bedeutet eine Beeinträchtigung der polnischen an ihren Mitteln, jeder national bewußte Jude den Verlust eines gegenwärtigen oder potentiellen polnischen Individuums. Daher der Kampf. Die Juden verlangen ihre eigene Schule — die Polen sagen: das ist ein Anschlag gegen die Rechte der polnischen Schule. Die Juden wollen im Stadtrat die ihnen rechtmäßig zukommende Vertreterzahl haben — die Polen rufen, es sei darauf abgesehen, der Stadt ihren polnischen Charakter zu nehmen, usw. Nun wieder Groll und Zorn auf der jüdischen Seite. Wie? Die selbst unterdrückten Polen sollten am besten die Ungerechtigkeit aller Unterdrückung verstehen, statt dessen üben sie sich ihrerseits den Juden, den Ruthenen und andern gegenüber im gleichen Gewerbe! Aber diese Klagen zeugen von einer recht naiven Logik. Wenn 2wei ertrinken und neben ihnen schwimmt ein Brett, das nur einen Menschen zu tragen vermag, — dann wird vermutlich unbeschadet aller proklamierten Humanität jeder von beiden sich des Bretts zu bemächtigen suchen und in der ebenso natürlichen und gerechtfertigten Bestrebung des andern einen Anschlag gegen sein eigenes Leben erblicken. Laßt aber einen der beiden ein gutes und sicheres Boot in seine Macht bekommen. Zunächst wird er noch mit der vermeintlichen Gefahr weiterkämpfen, von der er sich durch den andern bedroht wähnt, — bis er sich besinnt, sich umsieht, und begreift, daß sie nicht besteht; dann wird er auch jenem helfen sich zu retten. So wird es wahrscheinlich der polnischen Gesellschaft ergehen. Wenn Polen ein unabhängiges Staatswesen wird und die erste unentbehrliche Phase der Formung und des Kampfes ihr Ende erreicht hat; wenn die Gesellschaft zur Einsicht kommt, daß das Polentum durch die bloße Staatlichkeit, die Staatssprache und die Staatsinstitutionen hinreichend gesichert ist; wenn die Bezeichnung „Pole" die Schranken der Nationalität über- 2*