Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Krisis des polnischen Judentums
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 18 (sequence 3)
- Language
- German
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i8 Apolinar Hartglas: bleiben, und mit ihm ein gewisser Antisemitismus; und den wird keine Auswanderung beseitigen, es sei denn, daß es dem Zionismus gelingt, hier Heilung zu schaffen. Indes werden die anderen Quellen des Judenhasses versiegen oder abnehmen. Eine der Hauptursachen des polnischen Antisemitismus war in der Tat der wirtschaftliche Wettbewerb. Aus den Ämtern durch die Russen, vom Acker durch den Kapitalismus verdrängt, mußten die Polen, ob sie wollten oder nicht, sich auf die freien Berufe und den Handel werfen. Hier fanden sie überall die Juden bereits vor; daher die Konkurrenz, der Kampf, der Antisemitismus. Es ist in allgemeiner Erinnerung, wie die Zahl der „christlichen" Geschäftsläden und mit ihr der Judenhaß nach der Verstaatlichung der Eisenbahn Warschau—Wien gewachsen ist, als die ganze Masse der polnischen Beamten vom Etat abgesetzt wurde und sich dem Handel zuwandte. Und der Antisemitismus verzerrte seinerseits den Wettbewerb, rief neuen Haß und neue Ausbrüche hervor. Denn statt den Neuling von polnischem Kaufmann zu belehren, daß er gute Waren bieten und sich wie der Jude unter Beschränkung seiner Bedürfnisse mit geringem Gewinn begnügen solle, redete er ihm ein, er könne schlechte Ware feilhalten und die Kundschaft schinden, wenn er nur „Christliches Geschäft" aufs Aushängeschild schriebe. Natürlich ließen sich die polnischen Konsumenten zwar ein halbes Jahr lang, ein Jahr lang das Geld aus den Taschen ziehen, dann aber kehrten sie zum Juden zurück — und wieder ein Geschrei: „Die jüdische Gefahr!" Jetzt wird diese ganze Menge improvisierter Händler und Händlerkandidaten in die Ämter, in die Verwaltung und zu den verschiedenen damit verknüpften Beschäftigungen übergehen und die Konkurrenz mit den Juden wird verringert werden. Auf der anderen Seite wird sich allmählich ein neues Gebiet für den polnischen Handel eröffnen, wodurch der nationale Wettbewerb auf ein Minimum herabgedrückt werden muß. Gegenwärtig repräsentiert nämlich der Jude in Polen den Handel und das Kleingewerbe in der Provinz. Das Absatzgebiet des jüdischen Kaufmanns ist das Dorf, sein Abnehmer der Bauer, und somit sein Handels- und Gewerbeobjekt die Gegenstände des engsten Lebensbedarfs in geringerer Gattung. Den Großhandel, die Luxusartikel, die Waren besserer Gattung kennt die polnische Provinz fast gar nicht, denn es fehlte an der Nachfrage. Die polnische Provinz litt am Mangel einer polnischen Intelligenz. Der russische Beamte zeichnete sich durch sehr unwählerische Bedürfnisse aus; der höhere Beamte pflegte seinen Bedarf in Warschau oder im Kaiserreich zu decken. Angesichts des Fehlens einer polnischen Beamtenintelligenz in der Provinz, des Mangels an einem polnischen Bildungsmilieu, an Schulen und anderen Kulturzentren brachte der wohlhabende Gutsbesitzer seine Familie nicht in der Provinz, sondern in Warschau unter, — so wurden denn auch alle Einkäufe in Warschau gemacht, und hier entwickelte sich der polnische Luxushandel, der mit den Juden fast gar keinen Konkurrenzkampf führt. Jetzt werden sich die Verhältnisse ändern, der polnische Beamte wird überall in größerer Zahl sein und den Kern bilden, um den sich die polnische Provinzintelligenz gruppieren wird, polnische Schulen und Bibliotheken werden sich in jedem Städtchen auftun, das polnische Bürgertum wird sich auch in der Provinz anzusiedeln beginnen und dort seinen Bedarf decken, — ein größerer polnischer Handel wird hier aufkommen. Allerdings wird er mit der Zeit den jüdischen Kleinhandel ver-