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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Die Krisis des polnischen Judentums
Date
1917-01-01
Page
17 (sequence 2)
Language
German
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Die Krisis des polnischen Judentums 17 Und als am 5. November die frohe Botschaft „Polen ist auferstanden" in die fernsten Winkel drang, da schwieg — zusammen mit dem mißtrauischen polnischen Bauern — der Jude. Er schwieg und besann sich, ob er sich zu freuen oder zu betrüben habe. Und obgleich die ganze jüdische Assimilantenschaft den Tag feierte, flüsterten doch die meisten unter ihnen insgeheim mit bleichen Lippen: „Gott weiß, ob das besser oder schlimmer für uns ist." Wir aber, keine Assimilanten, wiewohl häufig äußerlich assimiliert, wir, die wir an die Zukunft des jüdischen Volkes glauben und mit unseren Idealen nicht auf den Märkten der kleinen Tageskarriere Schacher treiben, wir können ruhig und besonnen von unserem jüdischen Gesichtspunkt aus an die Frage der Erneuerung Polens herantreten und laut aussprechen, was wir ihr gegenüber empfinden. Und nach Erforschung und Erwägung dieser Frage entbieten wir dem neuen Polen unseren Gruß. Ja, vom Gesichtspunkt des national gesinnten Juden, und erst recht des Zionisten aus können wir diese Volksbefreiung nur begrüßen. Das Ideal eines freien Polen ist ja ein unserem Ideal eines freien Judentums in seiner Heimat verwandtes — beides Teile eines gemeinsamen: der Freiheit und Selbstbestimmung aller Nationen. Je weniger Völker unter dem Joche der nationalen Unterdrückung seufzen, um so näher ist die Morgenröte der endgültigen Freiheit Aber die Gegenfrage erhebt sich: Und der weltberühmte polnische Antisemitismus? Was wird aus den Juden werden, wenn die Polen die Staatsgewalt erlangen? Wenn unter der russischen Obermacht die selbst unterdrückten Polen die Juden hetzen und verfolgen konnten, — wie wird es erst im unabhängigen Polen sein, wo kein Dritter da sein wird, der wie in Rußland oder in Österreich sich in die Sache mengen und die Juden unterstützen könnte? Darauf antworten wir: in Österreich — vielleicht, aber in Rußland? — doch wohl nur um als tertius gaudens im trüben Wasser zu fischen. Denn sehen wir uns einmal diesen berüchtigten polnischen Antisemitismus näher an, der in so befremdendem Widerspruch zu der großen polnischen Überlieferung steht, — muß man nicht, wenn nian ihn recht versteht, annehmen, daß gewisse ihn hervorrufende Ursachen mit dem Wiederaufbau des polnischen Staates verschwinden werden? Freilich, e 1 n wesentlicher Faktor, der in der polnischen Gesellschaft den Antisemitismus über der europäischen Durchschnittsnorm erhält, wird durch das Unabhängigwerden Polens keineswegs beseitigt werden: die beträchtliche Zahl der jüdischen Bevölkerung im Lande. Theoretisch kann man wohl erklären, die Nationalität sei eine persönliche Frage und es brauche den Polen nicht aufzuregen, daß er unmittelbar neben sich eine ihm kultur- und geistfremde Judenschaft hat. Faktisch aber ist dem nicht so, und die Anwesenheit eines zahlreichen fremden, über das ganze Landesgebiet inmitten der Urbevölkerung verstreuten Elements ^zeugt einen gewissen Antagonismus. An eine Assimilierung der fast zwei Millionen zählenden jüdischen Masse durch die polnische Zehnmillionen-Gesellschaft ist nicht zu denken — ganz abgesehen davon, ob die Polen die oglichkeit einer nahezu zwanzigprozentigen Beimischung jüdischen Blutes nicht mit einem entschiedenen Timeo Danaos beantworten würden. So wird enn der Überschuß der jüdischen Bevölkerung in Polen noch lange Zeit ver-

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