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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 15

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Der jüdische Kongress
Date
1917-01-01
Page
15 (sequence 13)
Language
German
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Der jüdische Kongreß 15 werte Hilfe. Durch die Errichtung von Fach- und Sprachkursen erleichterten sie ihnen die Anpassung an das neue Milieu; durch die Gründung und Förderung wohltätiger Anstalten suchten sie das Schicksal hilfloser Einwanderer zu mildern; im Besitze von Bildung und Landeskenntnis, waren sie die natürlichen Fürsprecher der Neuankömmlinge bei der Regierung und der öffentlichen Meinung. Die deutschen Juden wollten aber den Ostjuden nicht nur im Existenzkampf beistehen, sondern auch „Ideale" geben: die Assimilation in ihrer amerikanischen Erscheinungsform. Hier beginnen die Gegensätze* Das Reformjudentum, das deutsche Importprodukt, rennt sich an den Ostjuden den Schädel ein. Für die einen ist es zu wenig Religion, für die anderen zu viel, für alle kein Gegenstand der Erbauung, sondern der Belustigung* Während die deutsche Einwanderung seit 1870 fast aufgehört hat, nimmt die ostjüdische Bevölkerung rapid zu und stellt sich immer mehr ökonomisch und geistig auf eigene Beine, ja sie wird eine kräftige Stütze der bedrängten Juden Europas und Palästinas, Die deutschen Juden übersehen die Wandlung und glauben mit den Ostjuden wie mit ungezogenen Schulknaben umspringen zu können* Als der europäische Krieg eine Hochwelle des amerikanischen Patriotismus brachte, erschienen deutsche Juden in den ostjüdischen Vierteln, um dem jüdischen Nationalismus den amerikanischen Patriotismus entgegenzuhalten und die Gefahr der ersteren für das (neue) Vaterland dem entsetzten Volk vor Augen zu führen. Die Predigten eines Jakob Schiff entfesselten einen solchen allgemeinen Entrüstungssturm, daß der greise Philanthrop sich zu der öffentlichen Erklärung gezwungen sah, er werde sich in der Zukunft über Zionismus und Nationalismus Schweigen auferlegen» Der Zwischenfall ist für den Gegensatz zwischen dem in Amerika so dicht beieinander gelagerten Ostjudentum und Westjudentum und für die Überlegenheit des ersteren symptomatisch, Der Fall Schiff ereignete sich gerade kurz vor dem Abschluß des Kampfes in der Kongreßfrage und hing mit diesem eng zusammen* Über die politischen Aussichten der Kongreßbewegung sich in diesem Augenblick auszulassen, wäre unnütz. Es ist die Pflicht des jüdischen Volkes, seine Beschwerden und Ansprüche vor das Forum der Völker im Augenblick der internationalen Auseinandersetzungen zu bringen. Man hofft drüben, daß es mit der wohlwollenden Unterstützung der amerikanischen Regierung gelingen werde, die Judenfrage ihres internationalen Charakters wegen zu einem Gegenstand der Friedensverhandlungen zu machen. Die amerikanischen Juden rechnen hierbei auf die Mitwirkung des europäischen Judentums, In der Tat ist es von allerhöchster Wichtigkeit, daß die jüdische Demokratie der Alten Welt, namentlich der kriegführenden Länder, nicht passive Zuschauerin des bevorstehenden Kongresses bleibt, sondern ihn sozusagen mit den nötigen Vollmachten ausstattet, m ihrem Namen zu handeln. Eine Art Kongreßbewegung müßte auch in Polen, Galizien, Rußland usw. eingeleitet werden. Die von den amerikanischen Juden unter der Kontrolle des Kongresses geplante Wiederaufbauaktion kann von ausschlaggebender Bedeutung für die ökonomische Entwicklung der Juden Osteuropas und Palästinas in den nächsten Jahrzehnten werden* Die in Aussicht genommene Aktion soll eine nationale, nicht eine philanthropische sein, sie soll „aristokratische Hilfe" geben und keine Schnorrer züchten. Die Aktion kann nur bei der engsten Kooperation der Juden Amerikas mit der jüdischen Bevölkerung des gegenwärtigen Kriegsgebietes sein.

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