Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kongress
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 14 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Leo Chasanowitsch: Kriegszone" auf die Tagesordnung des Kongresses gestellt werden soll, wurde dem erweiterten Kongreßausschuß überlassen. Dieser hat auch in seiner konstituierenden Sitzung am 25. Dezember beschlossen, diese Frage in die Tagesordnung aufzunehmen. Die Zusammensetzung des Kongresses ist so geregelt, daß 7S°/o der Teilnehmer aus direkten allgemeinen Wahlen hervorgehen müssen. Der Kongreß wird jedenfalls vereinbarungsgemäß nach dem Kriege ein zweites Mal zur Entgegennahme des Tätigkeits-Berichtes seiner Exekutive zusammentreten. Nichts kann ihn dann hindern, wenn die Umstände dies erfordern sollten, sich in Permanenz zu erklären. Das Exekutiv-Komitee des Kongresses setzt sich aus Vertretern sämtlicher jüdischer, sowohl bürgerlicher, wie proletarischer ' Organisationen der Vereinigten Staaten zusammen. Präsident ist der bekannte Philanthrop und Zionist Nathan Straus. Die fünf Vizepräsidenten sind: Harry Cutter (A. J. C), Harry Friedenwald (Zionist), Morris Hillquit (Soz. Partei Amerikas), Dr. Isaak Hourwitch (Nat.-sozialistischer Flügel), Leon Sanders (J. O. Brith Abraham). Der Sieg des Kongreßgedankens ist ein ungeheurer Fortschritt in jeder Beziehung. Er ist ebenso bedeutungsvoll für die innere Entwicklung der drei Millionen Juden Amerikas wie für das jüdische Volk im allgemeinen. Der Zionismus hat zum erstenmal wieder dem jüdischen Volk ein weltliches Ideal gegeben und viel zu seiner Erweckung beigetragen. Aber der Zionismus ist zu sehr auf ein spezielles, allerdings hochragendes Ziel eingestellt, um die ganze jüdische Regenerationsbewegung umfassen zu können. Durch den jüdischen Nationalismus im weiteren Sinne des Wortes wird er die höchste Förderung erfahren, wie er seinerseits dazu berufen ist, die allgemeine jüdische Regenerationsbewegung zu befruchten. Die Synthese von Zionismus und Nationaljudentum hat in der geschilderten Kongreßbewegung einen praktischen Ausdruck gefunden. Dies ist der eigentliche Grund, warum der Bundismus, der auch in seiner amerikanischen Färbung den Zionismus am glühendsten haßt, und die assimilatorische Philanthropie, die den jüdischen Nationalismus für das größere Übel hält, in der Bekämpfung des Kongreßgedankens sich verbrüdert haben. Sie sind nun beide überwunden; das Volk hat gegen sie entschieden. Sie mußten in der Hauptsache sich der Bewegung einfügen, um nicht von ihr über Bord geworfen zu werden. Das Schwergewicht des jüdischen Volkslebens hat in den letzten Jahrzehnten geographisch und ökonomisch eine Verschiebung erfahren: das amerikanische Judentum ist auf die Szene getreten. Der Krieg hat diesem großen jüdischen Volksteil ungeheure Pflichten auferlegt. Die amerikanische Judenschaft konnte aber für die Befreiung und Erhebung unseres Volkes in der Alten Welt nichts tun, solange sie selbst in den Ketten der philanthropisch-assimilatorischen Bevormundung lag. Die bisherige Geschichte der Juden Amerikas hat drei Abschnitte. Die ersten Jahrhunderte nach der Entdeckung des neuen Kontinents waren die Periode der sephardischen Einwanderung. Von Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts ließen sich zahlreiche Juden aus Deutschland in der Union nieder. Sie hatten im wesentlichen alle Vorzüge und Fehler der deutschen Juden. Als der jüdische Wanderungsstrom in den 80 er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus Rußland an die Westküste des Atlantik sich zu ergießen begann, leisteten die deutschen gutsituierten Juden den „armen Brüdern aus dem Osten" anerkennens-