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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 10

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Der jüdische Kongress
Date
1917-01-01
Page
10 (sequence 8)
Language
German
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10 Leo Chasanowitsch: suggerierte, daß ohne Einigung der drei bestehenden Komitees die jüdische Arbeiterschaft nicht mittun werde. Das glich einer Proklamierung des A. J. C. und des hinter ihm stehenden plutokratischen Kreises zum Diktator der jüdischen Politik. Dieser Vertrauensbruch mußte eine tiefe Empörung auslösen. Am 3. Oktober trat eine vom A. J. C. einberufene vertrauliche Beratung von 22 Organisationen, darunter das Provisorische Zionistische Komitee, zusammen. Marshall schlug wieder seinen von der Gemeindekonvention bekannten Ton an. Er verwarf nicht nur den Kongreßgedanken, sondern auch den vom A. J. C. angeregten Plan einer Konferenz und verstieg sich zu der Behauptung, die Kongreßbewegung sei das Werk eines „deutschen Spions", damit auf einen deutschen, der Kongreßsache ergebenen Juden anspielend, dem Beziehungen zu deutschen Regierungskreisen nachgesagt werden. Ein anderer Redner berief sich auf angebliche Informationen, wonach Wilson gegen einen jüdischen Kongreß sei, weshalb ein solcher unrätlich erscheine. Diese Behauptung widerlegte Brandeis durch die Verlesung eines an ihn gerichteten Briefes, in dem der Präsident mitteilt, daß er nichts gegen den geplanten Kongreß einzuwenden habe. Infolge der ablehnenden Haltung des A. J. C. ging die Beratung resultatlos auseinander. Das hinderte das Nationale Arbeiterkomitee nicht, die Rolle des Vermittlers fortzusetzen und sich mit den Herren vom A. J. C. häufige Stelldichein zu geben, in der offenbaren Absicht, einer klaren Stellungnahme auszuweichen. Ein neuer Plan tauchte als Ergebnis dieser Unterhandlungen auf: Das A. J. C. sei gnädig genug, zur Einberufung des jüdischen Kongresses Ja und Amen zu sagen, vorausgesetzt, daß er erst nach Beendigung des Kriegs zusammentritt. Auch der Forderung nationaler Gleichberechtigung zuzustimmen, sei es bereit, wenn die Juden der betreffenden Länder sie vorerst selbst aufstellen. Ein neuer Plan, also ein neuer Grund zu Verschleppungen. Um den Winkelzügen des Nationalen Arbeiterkomitees ein Ende zu machen, nahm das Organisationskomitee für den jüdischen Kongreß Anfang November die Plattform der Nationalen Arbeiterkonvention an. Nun schien kein weiteres Ausweichen mehr möglich. Da die jüdische Demokratie vollständig einig war, warum nicht über das A. J. C. einfach zur Tagesordnung übergehen? Die Leute vom Nationalen Arbeiterkomitee waren aber keinen Argumenten zugänglich. Immer deutlicher wurde es, daß die Zöglinge des „Bund" sich hinter den Rockschößen der haute finance versteckten, weil der Aufschwung der nationalen Bewegung ihnen nicht in den Kram paßte. Wieder mußte ins Volk gegangen werden, um seine Entscheidung anzurufen. Im Winter 1915/16 wurde eine überaus rührige Propaganda unter Führung von L. D. Brandeis entfaltet. In einer seiner bemerkenswerten Reden (gehalten Ende Januar 1916 auf einem Massenmeeting in Neuyork) schrieb Brandeis den Marshalls und Schiffs, den übereifrigen Patrioten der großen Republik, folgenden demokratischen Spruch ins Stammbuch: „... Das (jüdische) Erwachen führt zur Erkenntnis, daß die Rechte des jüdischen Volkes nur auf dem Wege erreicht werden können, den die anderen Völker gehen, auf dem Wege der Demokratie, dadurch, daß das Volk selbst sich zuständig erklärt, seine Interessen wahrzunehmen. Der Ruf nach Demokratie in der Behandlung der Judenfrage ist keine Formsache. Darauf kommt es hauptsächlich an. Die Demokratie ist ebenso ein jüdischer Grundbegriff wie die Basis der amerikanischen Methode. Sie beruht auf dem Vertrauen in die moralischen Instinkte des Volkes, das imstande ist, sobald es nur Gelegenheit dazu hat, seine eigene Wohlfahrt zu schaffen, zu vervollkommnen und aufrechtzuerhalten."

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