Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kongress
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
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6 Leo Chasanowitsch: Die in die Massen geworfene Kongreßlosung hatte eine zündende Wirkung und fand einen nachhaltigen Widerhall in der Presse und in zahlreichen Volksversammlungen. Gleichzeitig bemühten sich die Poale-Zion, die organisierte jüdische Arbeiterschaft für eine einheitliche politische Aktion zu gewinnen und sie zur treibenden Kraft der von ihnen inaugurierten Bewegung zu machen. Der Gedanke einer politischen Aktion des jüdischen Proletariats an sich fand auch die Zustimmung der parteigegnerischen Arbeitervorsteher, und so wurde zunächst die gemeinsame Einberufung einer Konferenz der jüdischen Arbeiterorganisationen Neuyorks zu diesem Ende verabredet Eine solche Konferenz fand denn auch am 18. April 1915 statt, aber auffallender Weise figurierten die Poale-Zion unter den Einberufern nicht. Die um das Tageblatt „Vorwärts" gruppierten Sozialisten der alten assimilatorischen Schule und die aus Rußland eingewanderten bundistischen Führer, die seit jeher eine Monopolstellung in der jüdischen Arbeiterbewegung zu behaupten suchen, beriefen die von der Poale-Zion angesagte Konferenz, unter Ausschaltung der Poale-Zion ein. Die Konferenz beschloß, eine Bewegung für die bürgerliche politische und nationale Emanzipation der Juden der kriegführenden Länder einzuleiten. Als es zu der Wahl einer Exekutive, des Nationalen Arbeiter-Komitees, kam, zeigte sich wieder, daß die Bundisten im Kriege nichts gelernt und nichts vergessen hatten: gestützt auf die unorientierten Delegierten der Gewerkschaften und des Arbeiterringes, verweigerten sie den Poale-Zion und dem ganzen nationalsozialistischen Flügel eine Vertretung in der Exekutive. Die Poale-Zion, der Möglichkeit beraubt, über die gewissenhafte Durchführung der Konferenzbeschlüsse zu wachen, zogen sich von der Konferenz zurück. Fast die gesamte jüdische Presse stellte sich auf ihre Seite, so daß das Nationale Arbeiterkomitee sich bald veranlaßt sah, ihnen doch eine Vertretung einzuräumen, ohne daß dadurch die Parteirivalitäten aufgehört hätten. Lebhafte Propaganda für den Kongreßgedanken wurde auf der Ende April abgeschlossenen Konvention der „Jüdischen Gemeinde"*) gemacht. Es wurde von der Konvention der Auftrag an ihre Exekutive verlangt, an der Einberufung des Kongresses mitzuwirken. Da die Gemeinde, einem Einvernehmen mit dem American Jewish Committee gemäß**), sich nur mit lokalen Angelegenheiten befassen darf, während die allgemeine jüdische Politik diesem vorbehalten ist, so mußte die Gemeinde, wollte sie sich an der Einberufung des Kongresses beteiligen, entweder die Zustimmung des A. J. C. einholen oder mit ihm brechen. Das letztere konnte nicht geschehen, weil die Neuyorker „Kehilla" eigentlich eine Fiktion ist und ihr Budget von dem philanthropischen Kreis um das A. J. C. gedeckt wird. Beim A. J. C. aber stieß man auf verzweifelten Widerstand. Louis Marshall, der Vorsitzende des A. J. C, hielt zur Kongreßfrage eine Rede, die nicht nur jede staatsmännische Einsicht vermissen ließ, sondern geradezu provozierend war. Die Nachrichten von den Juden-Pogroms in Rußland erklärte er für eine Erfindung der Sensationspresse, obgleich sie schon damals von in Neuyork eingetroffenen russischen Blättern bestätigt wurden. Den Kongreßplan verwarf er, weil man dem „Mob" die Entscheidung über politische An- *) Die sogenannte „Jüdische Gemeinde** in Neuyork ist eine freiwillige, lose Verbindung verschiedener jüdischer Organisationen. Staatlich anerkannte jüdische Gemeinden gibt es in Amerika nicht. **) Ein in der Pogromzeit entstandenes Notabeln-Komitee.