Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kongress
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Der jüdische Kongreß 5 Gegenstand eines geheimen Konventikels machen: sie schrieben den Volksmassen das Dulden und Schweigen als höchste politische Tugend vor; sie waren bemüht, ein handelndes Auftreten des Volkes zu hintertreiben, weil dies ihre Wege der Schleichpolitik und des Lispeins von der bürgerlichen Gleichberechtigung durchkreuzte; — da mußte zunächst mit dem inneren Feinde abgerechnet werden, bevor man sich an den äußeren machen konnte. In [der Kongreßfrage wurde ein großer Prinzipienkampf zum Austrag gebracht. Das Ergebnis dieses Kampfes zeugt von dem bereits erreichten hohen Grad der politischen Reife der jüdischen Massen. Ein gedrängter Überblick über den {Verlauf der Kongreßbewegung dürfte heute, wo die Differenzen endlich beigelegt sind, am Platze sein. Als kurz nach dem Kriegsausbruch die ersten Nachrichten von der Katastrophe der osteuropäischen Judenheit und von den Verbrechen der russischen Armeen an der jüdischen Bevölkerung nach Amerika gedrungen waren, waren die dortigen Juden von dieser Hiobspost wie betäubt. Die ersten, die ihrer Sinne wieder Herr wurden, waren die Poale-Zion. Ihre Ende Dezember 1914 in Rochester abgehaltene Konvention, die erste politische Tagung amerikanischer Juden nach Ausbruch der Feindseligkeiten in Europa, war naturgemäß ganz dem Kriege gewidmet. Die Teilnehmer der Zusammenkunft machten die jüdische Volkskatastrophe nicht zu einem Gegenstand hysterischen Wehgeschreis, sie begnügten sich ebensowenig damit, die Verbrechen des Zarismus und die Denunziationen des polnischen Antisemitismus an den Pranger zu stellen. Sie sahen, daß nur die zahlreiche Judenschaft der großen vom Krieg verschonten Republik für das ganze jüdische Volk zu handeln imstande ist, und sie riefen die jüdische Demokratie Amerikas auf die Schanzen. Aber die Juden der Union waren ja ungeachtet ihres reichen gesellschaftlichen Lebens als Ganzes desorganisiert und hatten keine Führung, die diesen Namen verdiente. Was vor allem nottat, war ein Organ, das nicht nur den Ehrgeiz, sondern auch die Fähigkeit und die Befugnis besaß, die Gesamtheit zu vertreten, und gewillt war, den Willen der Gesamtheit auszuführen. Um ein solches Organ ins Leben zu rufen, mußten die Massen in Bewegung gesetzt werden, umsomehr als von vornherein damit zu rechnen war, daß man auf Widerstände stoßen werde. Eine Reihe von der Rochester-Tagung gefaßter Resolutionen kulminierte in folgender Entschließung: „Die Konvention hält es für ihre Pflicht, in dem gegenwärtigen tragischen Augenblick ihre Stimme zu erheben, um das ganze jüdische Volk und insbesondere die Juden Amerikas zu warnen, daß der einzige Weg, unsere Lebensinteressen beim Friedensschluß zu sichern, in der festen, planmäßigen Organisierung und in der Vertretung des Jüdischen Volkes besteht. „Es ist die Pflicht aller jüdischen Organisationen, vor allem der jüdischen Arbeiter- Organisationen und der zionistischen Bewegung, dafür zu sorgen, daß das jüdische Volk nicht ohne legitime Vertretung beim internationalen Friedenskongreß bleibe. „Zu diesem Zwecke beschließt die Konvention, daß die jüdische sozialistische Arbeiterpartei Poale-Zion in Amerika mit aller Kraft darauf hinwirken soll, die ganze jüdische Demokratie Amerikas ohne Unterschied der Partei zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen. Die Initiative zur Schaffung einer legitimen Vertretung des jüdischen Volkes bei den Friedensverhandlungen sollte ein allgemeiner jüdischer Kongreß Amerikas übernehmen. Die Konvention beauftragt das Zentralkomitee, darauf hinzuwirken, daß ein derartiger Kongreß, zum Zwecke der Wahrnehmung der Forderungen der bürgerlichen und nationalen Emanzipation des jüdischen Volkes in Osteuropa und Palästina, mit der größten Beschleunigung einberufen werde.«