Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kongress
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Leo Chasanowitsch: Friedensverhandlungen wahrzunehmen. Der Kongreß wird sich außerdem auch mit der Frage des „ökonomischen Wiederaufbaus der jüdischen Gemeinden des Kriegsgebietes" befassen, die hierzu erforderlichen Institutionen schaffen oder schaffen helfen und wird vermutlich die ganze achtunggebietende Kriegshilfsaktion der amerikanischen Juden unter seine Kontrolle bringen. Damit wird der Kongreß zu einem politisch und ökonomisch eminenten Faktor im Leben des jüdischen Volkes. Obgleich er, aus der Not der Zeit geboren, vorderhand als etwas Zeitweiliges gedacht ist, so ist es doch nicht ausgeschlossen, daß er Sich selbst als eine permanente Institution erklären wird. In jedem Fall wird er trachten, Werke von dauerndem Bestände zu schaffen. Da der Kongreß keine Parteitagung, sondern eine Willenskundgebung der gesamten Judenschaft der Vereinigten Staaten ist, so stellt die vereinbarte Plattform, wie nicht anders zu erwarten war, einen Kompromiß der verschiedenen, auch die amerikanischen Juden trennenden Richtungen dar. Das Hochbedeutsame und geradezu Epochemachende an dieser auf gegenseitigen Zugeständnissen beruhenden Plattform, die von den einen als Minimal- und von den anderen als Maximalprogramm betrachtet wird, ist die Tatsache, daß sie der nationalen Richtung im jüdischen Volke weitgehend Rechnung trägt, daß die so heiß herbeigesehnte Einigung von den national orientierten Elementen nicht mit einem Opfer des Intellekts hat erkauft werden müssen. Wie verhängnisvoll und entmutigend wäre es, wenn das jüdische Volk in Amerika als Ganzes infolge der obwaltenden Meinungsverschiedenheiten dazu verdammt wäre, passiver Zuschauer der Weltgeschehnisse zu bleiben, oder wenn es des lieben Friedens halber von der Aufstellung nationaler Forderungen hätte absehen müssen! Wenn das erstere eine Bestätigung des weitverbreiteten Vorurteils wäre, daß die Juden zum gemeinsamen Handeln unfähig seien, so wäre das letztere eine Wiederholung des entwürdigenden Schauspiels der von Napoleon einberufenen Notabelnversammlung der französischen Juden und des gleichfalls von ihm eingesetzten sogenannten Sanhedrins, die unter dem Damoklesschwert der angedrohten Entziehung der Bürgerrechte das Judentum zu einer Religionsgemeinschaft degradierten und damit die eben begonnene Assimilation der Westjuden aufs Schild erhoben. Daß eine Wiederholung dieser Posse auf einer anderen Schaubühne nach einem Jahrhundert der Vorherrschaft der Assimilation hat verhindert werden können, ist als das erste entscheidungsvolle politische Ergebnis der tiefgehenden nationalen Bewegung unter den Massen des jüdischen Volkes anzusehen. Wenn der nunmehr abgeschlossene Kampf um den Kongreßgedanken mitunter recht Unerquickliches an den Tag gefördert hat, weil die um die Behauptung ihrer Macht besorgten Kreise in ihren Mitteln nicht immer wählerisch waren, so war doch dieser langwierige Kampf im ganzen sehr heilsam. Er war die durch die Zeitumstände gebotene große Auseinandersetzung zwischen Assimilation und Nationaljudentum, zwischen Plutokratie und Demokratie. Ein Burgfriede für die Zeit des Weltkriegs war bei einem Volk nicht möglich, dem von seinen selbstgekrönten Repräsentanten die Existenzberechtigung als Nationalität abgesprochen wird. Wollte man ohne vorherigen Waffengang der Assimilationspartei einen Waffenstillstand zubilligen, so hätte das bedeutet, daß man sie in einem Zeitpunkte am Ruder beließe, wo ihr Tun und Lassen am gefährlichsten ist. Die Assimilanten wollten die Tragödie des jüdischen Volkes zum