Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Von deutschen Jüdinnen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 850 (sequence 2)
- Language
- German
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850 Bemerkungen kehrs und der Wirtschaftssorgen fortzusetzen braucht. Not tut vor allem die Hebung des ethischen, des geistigen Niveaus des jungen Durchschnittsjuden, des kaufmännisch arbeitenden Mannes, dessen gesamter geistiger Organismus von dem der wenigen Intellektuellen durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt zu sein scheint. Völlig unvertraut mit allem, was irgendwie geistig ist, und oft gar nicht gezwungen, seine ganze Kraft und sein Denken vom Beruflichen absorbieren zu lassen, reißt er sich in sittlicher Laxheit doch nicht aus einem unwürdigen haltlosen Zustand los, sondern tut alles, was nicht seine nur auf Utilitarismus gerichtete Moral berührt, von vornherein mit geringschätzigem Achselzucken ab. — Wie kann nach Erkennen dieser Schuld, die bei Dante zur Gottlosigkeit führt, der Trägheit zum Guten, immer noch wesenssichere Lebensbejahung das Kriterium des weiblichen Ausdrucks sein? Sollte wirklich Dissonanz oder Resignation zum Grundzug der jetzigen Jüdin gehören und sollte nicht grad da Ursache und Wirkung verwechselt worden sein? Ich meine: eben das Wissen der Mädchen von der Aussichtslosigkeit, eine sittliche Lebensführung mit jenen Männern zu erreichen, führt zahllose zu dem gefährlichen Verdrängungsprozeß, der so oft die Unmöglichkeit einer Entfaltung der tiefsten Weiblichkeit birgt. Hildegard Krohn 2. Ich möchte ein Wort über das Wesen der „zu menschlichen" jüdischen Frau sagen. Franz Sachs empfindet es als drückend, daß sie unfroh scheint, weil sie keine echte Lebensfreude besitzt. Und er fügt hinzu, das sei ihr „Erbteil von der Seele und dem Schicksal des Judenvolks". Wenn er damit Richtiges gesagt hätte, dann würde auch sein Vorschlag nicht viel nützen, denn selbst die besten Blau-Weiß-Verbände mit ihren ausgedehntesten Wanderungen hätten noch lange nicht Macht genug, um jahrtausendalte Lasten aufzuheben. In Wahrheit aber wird jeder, der wirkliches Verständnis für das Wort „Erwachen" hat, die jüdische Frau auch verstehen, denn er wird wissen, daß ihr erst in jüngster Zeit die Augen aufgegangen sind, und daß sie noch schwer und nur mit tausend Zweifeln und vielem Verzweifeln sich in die neue, ungeheure Aufgabe hineinzufinden vermag, die ihrer harrt Ein jeder von uns weiß, daß unserer Generation die größten und schwersten Pflichten auferlegt sind; ist es da nicht natürlich, ja unsagbar wichtig, daß auch die Frau zu ahnen beginnt und zu wissen, wenn auch inzwischen Tausende ihrer Mitschwestern sorglos schwatzend und reizend müßig an ihr vorbeihüpfen? Da wir überdies doch eine halbwegs klare Vorstellung von einer Basis für das Zusammenleben und -wirken unserer Männer und Frauen haben müssen, wird es auch notwendig sein, sich zu fragen, welche Stellung denn die Frau im Leben des Mannes eigentlich einzunehmen habe, um neben der durch äußere Gesetze bedingten Stellung der Gattin auch und vor allem mit ihm zu denken, zu fühlen, zu wollen, zu leben. Und welche von den so verschiedenen Arten von Frauen wird imstande sein, denjenigen Juden, die sich nicht mehr werden damit begnügen wollen, ihr ererbtes, so tragisches Scheinleben weiterzuführen, Hilfe zu bedeuten? Werden es die immer Lachenden können oder die Suchenden? Daß auch diese froh sein wollen und froh sein müssen, ist eine selbstverständliche Forderung, und gewiß trägt jede unserer ernsten Frauen diese Fähigkeit (freilich wiederum in einem tieferen Sinn) auch in sich. Wenn ihr heute jene so notwendige Zuversicht für die Zukunft oftmals fehlt, so denke man doch daran, daß sie es um ein Beträchtliches schwerer hat in unseren jungen Tagen als jene anderen, und daß ihr ununterbrochen die Frage von Sein und Nichtsein viel schroffer vorschwebt. Und daß in solcher ernsten Zeit Jude und Jüdin danach streben sollen, einander verstehen und stützen zu lernen, scheint mir für den Augenblick eine der wichtigsten Aufgaben der jüdischen Jugend. Martha Epstein _ 3- Franz Sachs spricht von jüdischen Mädchen, bei denen alle äußere Unrast der Männer nach innen geschlagen sei. Daher seien sie „unsicher im Gefühlischen". Beweis dieser Unsicherheit: Resignation, Schmerz, große Leidensfähigkeit und stummes Verstehen! Kurz, er beschreibt einen ernsten, seelenschweren, aber unendlich liebenswerten Mädchentypus, der von einem Teil männlichjüdischer Jugend verworfen wird: weil er nicht „die heitere Fülle wesenssicherer Lebensbejahung" wie das deutsche Mädchen hat. Sachs schildert hier nur —- den schrankenlosen Egoismus jüdischer Männerjugend, die Jüdinnen ablehnen, die — im Golus — keine Griechinnen geworden sind! Warum redet ihr denn, ihr egoistischen Jungens, so viel vom Nehmen und nicht vom Geben? Was bringt ihr? Warum redet ihr