Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Von deutschen Jüdinnen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 849 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 849 Von deutschen Jüdinnen Von den zahlreichen Entgegnungen jüdischer Mädchen und Frauen auf den Aufsatz von Franz Sachs im 10. Heft, die uns zugegangen sind, veröffentlichen wir hier auszugsweise drei, eine aus Berlin, eine aus Krumau in Böhmen und eine aus dem Haag. 1. Ich meinerseits bezweifle die Möglichkeiten einer restlosen Vereinigung zwischen einem jungen jüdischen Intellektuellen und einer fröhlich-naiven Christin (womit ich keineswegs Christin mit naiver Wesensart identifizieren will, noch, gleich dem Verfasser, die Begriffe „Christin" und „Jüdin" prinzipiell gegenüberstelle). Ich habe beobachtet, daß gerade die intellektuellen Juden so gar nicht imstande sind, die Wege zu den fröhlich heiteren Naiven zu finden. Selbst durch tausend Hemmungen jeder Harmlosigkeit a priori beraubt, müssen sie allein schon mit ihrer Sprache alles Naive bedrücken und den einzig gangbaren Weg, diese Mädchen aufzuschließen, nämlich den der erotischen Annäherung, übersehen sie in ihrer Instinktlosigkeit, oder sie vermeiden ihn bewußt. Ein „naives natürliches" Mädchen wird sich vielmehr eher von einem „homme ä femmes" ruinieren lassen, als in Demut zu warten, bis ein „Geistiger" sich entschließt, ihre Beziehungen für eine erotische Äußerung reif zu halten. Mir sagte neulich ein begabter blonder Freund: „Warum fühlen wir Blonden, wir Germanen, uns immer wieder so zu euch, ihr Jüdinnen hingezogen? Ist es das, was immer wieder Blond zu Schwarz, helles zu dunklem Auge treibt, oder ist es, daß eure durch ewiges Leid wissend gewordene Seele unsere Qualen eher fühlt und kennt, als unsere heiter naiven, primitiv neckischen, leichter zu verführenden Schwestern und Basen?" Haben Sie noch nie jüdische „heiratsfähige" Männer von den Vorzügen arischer Mädchen im Gegensatz zu jüdischen reden hören mit jener durchsichtigen Angst, den Ansprüchen einer regen Jüdin nicht genügen zu können? Warum wollen Sie die Entwicklungsmöglichkeiten der Jüdinnen unterbinden, sie zurückschrauben, in geistige Zwangsjacken stecken, statt endlich einmal das Niveau des jüdischen jungen Mannes, der „imstande ist, seine Frau zu ernähren", zu heben? Was überhaupt wissen Sie von den Qualen der jüdischen Mädchenseele, die sich Ihnen nach außen hin in ruhelosem bedrängten Wesen Heft 12. zu äußern scheinen? Was wissen Sie von der maßlosen Scham und Wut eines Mädchens, es braucht nicht einmal ein besonders hochstehendes zu sein, das eines Tages plötzlich merkt, daß es verschachert werden soll? Dem die Mutter zwischendurch erzählt, daß der Mann, mit dem es gestern im Kaffeehaus oder bei Verwandten (es kann auch extra eine Reise dazu arrangiert werden) ein paar konventionelle dumme Sachen sprach, — ha, welch Wunder, sich für sie „interessiere", und sie plötzlich hinter die Kulissen dieses ganzen geschäftsmäßigen Vorganges sieht? Mein Lieber, davon scheinen Sie keine Ahnung zu haben, in Ihrer ästhetischen Tatbestandsübersicht wundern Sie sich nur, daß manche Jüdinnen so gar nicht erheiternd wirken. Und das Mädchen hört die hundertfach wiederholten Phrasen, daß die Eltern wirklich nur „Gutes" wollen, „sie zur Frau und Mutter und glücklich machen wollen", und fühlt: „sie wissen, daß ich gern Kinder haben möchte und daß der Beruf nur Ersatzglück ist." Das Mädchen weiß auch, ihre Freunde, die Geistigen, können wohl für sich sorgen, nicht aber für Frau und Kind. Lieber Franz Sachs, eine Freundin von mir hat bis kurz vor ihrer Entbindung Urinuntersuchungen machen müssen, eine andere, in sich ruhende, die keiner Berufsleistung als Legitimation ihrer Persönlichkeit benötigte, mußte schnell etwas erlernen, um mit ihrem Mann leben zu können, zum Kind wird es wohl noch nicht langen. Und wer denn von unseren Bekannten aus der Jugendbewegung oder den zionistischen Kreisen könnte einem Mädchen ein Leben, wie es Ihnen irgendwie utopisch vorschwebt: Mutter, Gattin, harmonisch, Natur, Glück usw. geben? — Ich brauche nicht zu sagen, daß ich es selbstverständlich finde, daß ein Mädchen eben alles auf sich nimmt, um ein Zusammenleben zu ermöglichen, wenn der Mann es nicht allein erreichen kann. Ich bin weit davon entfernt, diese Mädchen, wenn sie auf hundert gewohnte Bedürfnisse, selbst wenn sie auf die Mutterschaft verzichten müssen, irgendwie als Märtyrerinnen darzustellen. Die höchste Steigerung ihres Lebens liegt einzig in der Kraft ihrer Liebe, und ihre Ehe ist einzig in dem Wert begründet, den der betreffende Mann für sie hat. — Wandereinsamkeit und Natur werden schwerlich durch Demokratisierung verloren gegangene Zustände zurückzaubern, vielmehr gilt es neue Wege zu finden, damit ein Mädchen, das sich durch eine Heirat nicht schänden will, durch eine andere nicht ihr bisheriges Dasein nur mit dem Untersohied des dazukommenden Geschlechtsver- 59