Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 843 (sequence 10)
- Language
- German
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Jüdische Volkslieder 843 — Oi, Herschel-Lebn, Kroine-Lebn, Der Saiger schlogt schoin zehn. — — Hob nischt moire, mein taier Lebn, West allein ahaim nischt geihn. Wie Ruchele is ahaim gekumen, Hot si sich gesetzt baim Fenster. „Wifil Jingelech s'geihn farbei, Main Chossen is der Schenster. Alle Wasserlech loifen awek, Die Taichen blaibn laidig. Welches Maidele es fihrt a Liebe, Fihrt sich ihrer oif aibig." — Ach Herschel, Liebling, Krone, Leben, Die Uhr, sie schlägt schon zehn! — Hab keine Angst mein teures Leben Wirst nicht allein heimgehn. Wie Rahel wieder nachhaus gekommen, Hat sie sich gesetzt ans Fenster. ,,Wieviele Jungen gehn vorüber, Mein Bräutigam ist der Schönste. Alle Wässerlein laufen dahin, Die Bäche bleiben leer. Ein Mädchen, das eine Liebe hat, Ist nicht zu retten mehr." Cahan, Band 1, Nr. 25. — Eine reizende Verführungsszene. Von Schritt zu Schritt geht der vorsichtige, der schlaue Bursche vor: nimm dir nur einen Überwurf (jüdisch: Obermäntelchen), spazieren, nur spazieren wollen wir gehn, mein Rahelein, mein Leben, zwischen die dichten Bäume, zwischen die dichten Blätter, zwischen die frischen Blumen, immer weiter an allen bösen Augen vorüber, bis — in den dichten Wald hinein. Wie dies allerdings das Rahelein vernommen, da fällt sie fast um vor Angst. Er aber berauscht sie mit Wein und mit Liebesschwüren. Nun folgt ein entzückender Moment. Das Mädchen, wie es nach Hause kommt, wagt es nicht, mit sich allein zu sein, und sie setzt sich ans Fenster, um aufzuatmen, um sich abzulenken. Aber ihr Liebster kommt ihr wie ein heller schöner Gedanke in den Sinn: er ist doch der Allerschönste! Ach, das hält nicht lange an. Sie wird wieder traurig, sie denkt an die leeren Wässerlein und an die verführerische, sündige Liebe. Dein Herz ist nicht dabei. Ach, schehnes Mädchen, Du aidel Kind, Wer hot in dir Di Liebe ongezindt? Ainer is kainer, Wos di Oigen sehn, Wi glicklich is di Stund, Wos mir baisamen gehn. Rose sainen daine Beckelach, Wi schehn is dain Gesicht, Wi schehn sainen daine Oigen, Wi schmeckt mir dain Kusch! (Übertragung.) 0 du schönes Mädchen, 0 du edel Kind, Wer hat denn in dir Die Liebe angezünd't? Allein ist keiner, Soweit die Augen sehn. Wie glücklich ist die Stunde, Die wir beisammen gehn. Rot sind deine Bäckchen, Dein Antlitz ist Genuß, Wie schön sind deine Augen, Wie schmeckt mir dein Kuß!