Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 839 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 839 än visionärer Diktion noch reicher und sonderbarer ist als die letzten Strophen unseres Liedes. Diese Strophe lautet: (Übertragung.) Ich lieg und lieg und tracht, Und weiß mir nicht die Zeit zu verbringen, Hab ich mir einen Galgen gemacht, Ich gehe schon, daran mich hängen. Und wenn ich werde liegen und werde schweigen, Wie groß wird sein meine Sünd, Man wird mir meine Knöchelchen auf Stückchen zerschneiden, Ich Heg un lieg un tracht* Un hob mir nit die Zeit zu varbringen, Hob ich mir a Tlie gemacht, Ich geh mir schoin oifhängen. Un as ich well liegen und well Schwaigen, Wie groiß wet sein main Sünd, Men wet mir maineBainderlach af Stückalach zuschnaiden, Vun saebezehn Johr a Kind. Von siebzehn Jahr ein Kind. Wie gesagt: Eine außerordentlich gefühlte und in furchtbarer Anschaulichkeit gestaltete Vision. Das Mädchen, das ja nicht weiß, wie es sich die Zeit vertreiben soll, hat sich einen Galgen bereitet, — und nun geht sie, um daran sich aufzuknüpfen. Aber da liegt sie auch schon leblos auf dem Boden der selbstgeschaffenen Richtstätte, und die Leute suchen ihren zermalmten Körper zusammen, den jungen Leib der verlorenen, verworrenen Siebzehnjährigen. — Erste Strophe zweite Zeile: „Bocher", eigentlich weder Junge noch Bursche noch Jüngling, am ehesten noch junger Mann. Gewöhnlich wird diese Bezeichnung für junge Leute gebraucht, die „lernen", die im Gotteshause leben und Talmud studieren. Auch der Ausdruck „Marne" trägt alle milde und liebliche Verzärtelung mit sich, die der jüdischen Mutter eigen ist. Scham des Knaben. Spielt sehe mir dem naiem Schehr, Wos is aroisgekummen, Ch' hob mich farliebt in a Maidele a schehne, Un ken zu ihr nit kummen. Ch' wollt zu ihr gekummen, Sitzt si sehr wait, Ch'wollt ihr a Kusch gegeben, Schern ich mich far Lait. Nit asoi far Lait, Wi far Gott allain. Ich wollt mit ihr farbracht di Zait, As kainer soll nit sehn. (Übertragung.) Spielt mir auf den neuen Tanz, Der jetzt in Mode gekommen, Ich hab mich verliebt in ein schönes Mädchen, Und kann nicht zu ihr kommen. Ich wär schon zu ihr gekommen, Sitzt sie sehr, sehr weit. Ich hätt ihr einen Kuß gegeben, Schäm ich mich vor den Leut*. Nicht so vor den Leuten, Wie vor Gott allein, Ich möcht mit ihr die Zeit verbringen, Niemand soll es sehn. Cahan I. Bd. No. 10. — Wohl das zarteste jüdische Knabenlied unter den Liebesliedern, vielleicht das keuscheste und frömmste überhaupt. Für den jungen Sänger sitzt die Geliebte, die gewiß von seiner Liebe keine Ahnung hat, so weit entfernt, wie auf einem anderen Stern: Ich kann zu ihr nicht kommen. Nach